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„Things have changed - Bob Dylan is not there“: Würdigung eines Rätselhaften

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Von: Sylvia Staude

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Verena Tönjes an der Geige.
Verena Tönjes an der Geige. © Hans-Jörg Michel

Ein feiner Abend mit Musik von Bob Dylan im Staatstheater Mainz.

Die Eltern meinten es gut, als sie der Tochter ein Album mit Rock-Songs des vor allem als Siegfried berühmt gewordenen Tenors Peter Hofmann schenkten. Nun, es war ein Graus, weil alles viel zu groß und zu ungebrochen schön gesungen. In Mainz treten jetzt eine Sängerin und zwei Sänger aus dem Opernensemble des Staatstheaters mit einem Bob-Dylan-Abend an; die Erwartung ist, in Erinnerung an Hofmann, vorsichtig verhalten. Und natürlich singen der Bariton Brett Carter, der Tenor Johannes Mayer und die Mezzosopranistin Verena Tönjes nicht so kratzig und nuschelnd wie Dylan, das wäre ja auch seltsam – aber sie singen eben dem Genre angemessen eher lässig und mit kleinen Haken.

Singen ist nicht genug

Auch der Musiker Paul-Johannes Kirschner tritt mal hinter dem Keyboard hervor, mit gutem stimmlichen Ergebnis. Der Schauspieler Klaus Köhler blamiert sich durchaus nicht mit „The Man In Me“, der Überraschungsgast Holger Kraft, neu im Schauspiel-Ensemble, zur Zugabe nicht mit „Knockin’ On Heaven’s Door“. Die musikalische Leitung hat Dominik Fürstberger, von dem auch die Arrangements für die „Band“ sind, in der er selbst das Schlagzeug spielt und – fabelhaft singen ist nicht genug – Carter Gitarre, Mayer E-Bass und Tönjes Geige und Gitarre.

„Things have changed – Bob Dylan is not there“ ist also einerseits ein entspannter Abend, mit Köhler als launigem Conferencier und nachdrücklichem Deklamator (nur Keith Richards sollte er noch sein „s“ am Ende geben). Andererseits ist es ein Abend der Profis, die ihn gut nutzen: Verflixt, denkt man sich, es war in der Tat höchste Zeit, mal wieder einige dieser großartigen Lieder zu hören. Und, aus aktuellem Anlass, den Text von „Masters Of War“ nicht nur gesungen, sondern auch buchstäblich an die Wand geschrieben zu bekommen.

In anderthalb Stunden kann nur hier und da ins Werk und ins Leben gepiekst werden. Aber auch wer (ganz unwahrscheinlich!) zu einem Dylan-Abend ins Theater geht, ohne irgendetwas über Dylan zu wissen, wird einiges mitnehmen über seine wechselhafte Karriere zwischen Protestliedern, christlicher Erweckung und Sinatra-Covern, über seine Coolness und Exzentrik, seine sprachmächtigen Texte (für die er, wir erinnern uns, den Nobelpreis erhielt), seine Rätselhaftigkeit, zu der auch gehört, dass er (bis auf eine Pandemie-Pause) seit vielen Jahren auf Tour ist. Kann er sonst nichts mit sich anfangen? Braucht er es, ruhelos und in Bewegung zu sein, denn die Zeiten, sie ändern sich?

Zwar eröffnet „The Times They Are a-Changin’“ den Abend, aber keineswegs ist er ein Best-of. Es steht der Liebeslieder schreibende Dylan – mit dem lockenden „Lay Lady Lay“, mit dem zarten „Make You Feel My Love“ – gleichberechtigt neben dem politischen. Und was erklärt werden muss, weil es nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein ist, wird von Klaus Köhler kurz erklärt. Etwa der Justizskandal um den unschuldig verurteilten Boxer Rubin Carter, für den Dylan „Hurricane“ schrieb und Geld sammelte. Damals wollte er schon nicht mehr als Protestsänger gelten. Möglicherweise immer nur Musik machen.

Staatstheater Mainz: 26. Mai. www.staatstheater-mainz.com

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