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Sandra Hüller als Bochumer Hamlet.

Theater

Theatertreffen allein zu Haus

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Diesmal unberlinerisch und virtuell: Aber allein wenn man Johan Simons „Hamlet“ vom Bochumer Schauspielhaus sieht, wird einiges geboten.

Johan Simons, eingeladen mit seinem Bochumer „Hamlet“, bringt es auf den Punkt. Bei der Aufzeichnung einer Inszenierung sage eine Kamera dem Publikum, was es sehen solle. Im Theater entscheide das Publikum selbst. Wir zum Beispiel haben Wochen gebraucht, um das allmählich zu begreifen. Dabei ist es fabelhaft, die geringfügigsten, im Grunde nicht vorhandenen Schweißtröpfchen in den Gesichtern des „Hamlet“-Ensembles zu erahnen. Noch aus nächster Nähe könnten sie auch bloß das Glitzern des Klebebändchens sein, mit denen die Mikroports befestigt sind. Und den Kuss zwischen Hamlet und Ophelia dermaßen indiskret zu beäugen, so dass jetzt wirklich alle Freundschaft und Jugend aus ihm sprechen kann, denn Gina Hallers Ophelia bekommt auch den Horatio-Text zugesprochen. Ein dramaturgischer Coup, wesentlicher als die Entscheidung, Hamlet (einmal wieder) von einer Frau spielen zu lassen. Über letzteres, sagte Sandra Hüller, sei genau null mal gesprochen worden.

Theaterstreaming ersetzt kein Theater 

Aber Simons’ Worte erinnern wackere Theaterstreaming-Nutzer zugleich daran, wie lange es her ist, dass sie den Blick über eine Bühne frei schweifen lassen konnten. Schauspielerinnen anstarren, die gerade nichts zu tun hatten. In faden Momenten geruhsam den Raum erfassen.

Natürlich fängt die fitte Film-Regie auch das ein, die weghuschende Figur am Rande, die schmucken Metallkugeln im „Hamlet“, die stellvertretend für Yoricks Schädel rege herumgerollt werden. Johan Simons: Er habe nun selbst Dinge gesehen, die ihm nie aufgefallen seien. Ein wohlwollendes Kompliment für die in der Tat treffliche „Hamlet“-Aufzeichnung von 3sat, erstellt zu einem Zeitpunkt, als schon kein Publikum mehr dabei sein durfte. Die Kameras geben jetzt die Möglichkeit, praktisch mit auf der Bühne zu sein. Sandra Hüllers traurigen, ernsten Hamlet zu umrunden, ein Erlebnis. Dass man lieber darauf verzichten und ins Theater gehen würde: ein gegenwärtig unlösbares Problem. Aber das angenehm unberlinerische Theatertreffen 2020 ist ein Beispiel dafür, wie sich damit klug umgehen lässt.

Theatertreffen ist offiziell abgesagt

Das Theatertreffen ist offiziell abgesagt, kein Mensch tut so, als wäre das, was jetzt zu erleben ist, bloß eine andere Darreichungsform. Aber immerhin sechs der zehn eingeladenen Stücke sind im Internet zu sehen, jeweils für 24 Stunden. Dazu Videodiskussionen, und auch auf die Theatertreffen-Nachgespräche muss keiner verzichten. Ensemblemitglieder, Jurorinnen, Moderatoren sitzen daheim und reden gut sortiert und aufmerksam. Das Disziplinierende solcher Zusammenschaltungen ist lästig für die Beteiligten, beim Zuhören ist es eine Freude, vor allem diese Bündigkeit, dieses Zur-Sache-Reden. Die Idee, das rote Theatertreffen-Rechteck an der heimischen Wand zu platzieren (einige machen es vorbildlich, andere schlumpfig, und wer es einfach weglässt, wird auch nicht zurechtgewiesen), ist niedlich. Jede Art von identitätsstiftender Maßnahme ist derzeit bei einsamen Zuschauern willkommen.

Am zweiten Abend ist die Aufzeichnung der Generalprobe zu Alice Birchs überwältigender „Anatomie eines Suizids“ vom Schauspielhaus Hamburg ein filmisch spröderer Fall. Aber warum sollte das Publikum es bequemer haben als die Darstellerinnen in Katie Mitchells präziser, Stimmen zuweilen in Perkussion verwandelnder Partitur-Umsetzung?

Theatertreffen virtuell:  bis 9. Mai. www.berlinerfestspiele.de

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