Megalomania Theater

Theaterstück „Zerlegbar“: Sie ist Senf, Neon, Nixon

  • vonMarcus Hladek
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„Zerlegbar“ von Margaret Perry im Megalomania Theater in Frankfurt.

Covid-19 hat schon allerhand zerlegt, auch die Chance früher Premieren im Jahr, trotz und nach Lockdown wieder gespielt zu werden. Insofern hat das Solostück „Collapsible“ der jungen Irin Margaret Perry Glück: Nach der deutschen Erstaufführung im sprachlichen „Collapsible/ Zerlegbar“-Doppelpack im Januar setzte nun doch die Wiederaufnahme der deutschen Hälfte ein. Anja Becker spielt Essie, Regie und Bühneneinrichtung: Abraham Teuter.

Das „Megalomania“ versteckt sich in einem Frankfurter Hinterhof-Souterrain, wo die distanzierten Sitze auf Theatergänger warteten. Stühle spielen eine Rolle in „Collapsible“, da Esther alias Essie zwischen Agoraphobie und Internet, dem Rausschmiss aus Job und lesbischer Beziehung und dem Zwang zu Bewerbungsgesprächen in die Krise trudelt und sich darob fühlt, als wäre sie ein Klappstuhl (collapsible).

Anja Becker spielt das in 75 Minuten etwas langsamer als Breffni Holahan im Abbey Theatre in Dublin, das aber nicht aus deutscher Schwere, sondern vielleicht, weil sie einmal recht hübsch im Schwäbischen schwelgt. Im Eck des hellweißen Raums mit Bert-Brecht-Devotionalien kommen Becker und Teuter nebst einem unbenamsten Schauspieler als Kurzzeit-Gegenüber mit wenig genug aus: Tischchen samt Stühle und Schwarzes Brett hinten, giftlila Sofa und Matratze nebst Bettdecke vorn, Klemmbretter am Boden des Spielplateaus und „kleines Schwarzes“ mit Schuhen zur Kostümierung.

Rhythmisiert von Lichtwechseln, wacht Essie auf und nutzt den Zehnzoll-Laptop sofort, um dem Internet küchenpsychologische Ich-Orakel zu entlocken, was sie wohl für ein Tier, Auto, Röstfleisch, Stadt, Gewürz, Element, Präsident, Typ wäre, nämlich: Lamm, Cadillac, Lamm, Paris, Senf, Neon, Nixon nein Obama, intro- nein extravertiert.

Ein komischer Einstieg also, doch dann geht’s schon ans Eingemachte. Schön, wie Becker immerzu das gequälte Genre Bewerbungsgespräche nutzt, diese Ich-Prostitution hier und Pseudowissenschaft, Pseudopsychologie und Pseudokunst dort, die sich aufgeklärt wähnt, aber alle zeitgebundenen Scheuklappen und Vorurteile reproduziert. Kein Wunder, dass Essie, sekundiert von Freunden und Verwandten, am Zusammenstellen „passender“, absurd falscher Epitheta für ihre Klemmbretter scheitert und noch tiefer in die Ichkrise driftet, bis sie dreimal Becketts „Nicht ich“-Titel raunt wie eine Zauberformel. Je länger sie in den endlosen Gesprächen dieses Solo- und Schauspieler-Stücks mit den fantasierten Anderen dialogisiert, weil sie ihr Ich und die verrückte Welt in den Griff kriegen will, umso mehr ist ihr Kunstwesen eine wie wir.

Kleine Coda: Margaret Perry steht noch nicht auf Wikipedia; nur eine Namensgleiche, die 1991 in Irland entführt und ermordet wurde. Soviel zu Ich-Online.

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