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Akrobatisches Spiel im blauen Tuch.

Frankfurt

Theaterhaus Ensemble: Wenn die gewohnte Ordnung gesprengt wird

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Das Frankfurter Theaterhaus Ensemble lässt in seiner preisgekrönten Reihe „On Air“ diesmal „Die Verwandlung“ hören – und auch sehen.

Das Mischpult inmitten von zwei Sprechkabinen ist im „On Air“-Projekt des Theaterhaus-Ensembles Hauptakteur. Es füllt zwischen zwei improvisierten Sprechkabinen und einem herabhängenden blauen Tuch imposant den Bühnenraum. Schon der erste Blick auf die Szene dokumentiert also die ungewöhnlich technisch geprägte Erzählform, die diese Inszenierung bestimmt. Die Regler und Drehknöpfe der Tontechnik, die sonst diskret im Hintergrund oder am Rand der Bühne bleiben, sind hier zentral.

Es geht viel um und über den Klang in der Hör-Spiel-Performance „On Air: Die Verwandlung“, die sich der Erzählung Franz Kafkas in der Regie von Rob Vriens auf besondere Art nähert. Zunächst hört man nur Weltraum-Rauschen und stetes Tropfen von Wasser. Nachhall-Effekte verwandeln den Klang, jemand scheint irgendwo mit Geld zu klimpern. Vorsichtig mischen sich via Mikrofon weitere Akteure in das Geschehen ein. Sie sitzen oder stehen in einer der Sprechkabinen. „Aufstehen“ heißt es von dort auffordernd. Im blauen Tuch entsteht plötzlich ruckartige Bewegung. Ein Kopf lugt hervor. Hier zeigt sich – körperlos – menschliches Leben.

Das Gewohnte ist futsch

Theaterhaus Frankfurt:
10. März, (11 Uhr). www.theaterhaus-frankfurt.de

Während nun Susanne Schyns im akrobatischen Spiel am blauen Tuch den Prozess der Verwandlung in Bewegung überträgt (Artistiktraining: Kiki Beittel), geben Erzählstimmen den Handlungsverlauf. Die Irritation, die entsteht, wenn ein Familienmitglied sich gänzlich unerwartet verändert und die gewohnte Ordnung sprengt, wird einerseits in diesen Stimmen (Günther Henne, Michael Meyer und Uta Nawrath) spürbar.

Die bizarre, äußerst befremdliche Atmosphäre wird jedoch vor allem durch die Klanggestaltung von Marcel Daemgen und Oliver Augst erzeugt, die unter dem Label „textXTND“ elektronische Kompositionen erarbeiten, und das Mischpult wie einen Konzertflügel nutzen. Regler und Drehknöpfe dienen ihnen nach Art der Klaviertasten dazu, einen eigenen Klangraum zu erzeugen. Die elektronische Bearbeitung ermöglicht eine enorme Vielfalt an Tönen und Klängen, die sich dem kafkaesken Erzählstil kongenial anpassen.

Dies ist nach „On Air: Die Räuber“ und „On Air: Woyzeck“ die dritte Produktion in der Reihe der Hör-Spiel-Performances, die mit dem Theaterhaus Ensemble entstanden ist, um klassische deutsche dramatische Literatur im Ton der Zeit einem jungen Publikum ab 14 Jahren zugänglich zu machen. 2018 ist das Projekt für diese überzeugende, innovative Inszenierungsweise mit dem Kinder- und Jugendtheaterpreis „Karfunkel“ ausgezeichnet worden. Die aktuelle „Verwandlung“ hat die geweckten Erwartungen eindrucksvoll bestätigt.

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