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Karin Henkel, erneut zum Berliner Theatertreffen eingeladen, ist hier als Festspielregisseurin in Salzburg zu sehen.

Karin Henkel

Der Theaterbetrieb ist ein Männerladen

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Die Regisseurin Karin Henkel ist zum siebten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen und erhält den Theaterpreis der Hauptstadt. Ein Interview über viel Erfolg, zu viele Premieren und zu wenige Frauen im Theaterbetrieb.

Karin Henkel, Sie sind jetzt zum siebtenmal zum Berliner Theatertreffen eingeladen und erhalten den Theaterpreis Berlin. Korrumpiert der Erfolg? 
Überhaupt nicht! Das hat auf die konkrete Arbeit ja keine Auswirkung. Ich arbeite ohnehin ja seit Jahren an den selben Häusern. Und im geschützten Rahmen eines Probenraums ist das auch nicht wichtig. 
 
Sie greifen eine Herangehensweise nicht wieder auf, wenn diese schon einmal gut funktioniert hat?
Eher im Gegenteil. Mir geht es immer darum, etwas Neues auszuprobieren. 
 
Sie machen jetzt seit 25 Jahren Theater. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Als ich anfing, am Burgtheater, war es sehr unüblich, dass man als junge Frau überhaupt inszenieren durfte. Das ist heute noch immer unüblich – und das muss sich ändern. Aber es war damals noch schwieriger. 
 
Gerhard Stadelmaier hat damals in der FAZ geschrieben: „Wien ist nichts für kleine Mädchen.“ 
(lacht) In der Öffentlichkeit macht man sich mit so einem Satz heute ja lächerlich. Aber es hat sich im Betrieb etwas verändert, was damit gar nichts zu tun hat: dass nämlich die Zeit immer knapper wird. Bühnenproben zum Beispiel sind immer wahnsinnig knapp berechnet! In den letzten fünf Jahren habe ich den Eindruck, ständig unter Zeitdruck zu stehen.

Obwohl Sie seit vielen Jahren nur drei Inszenierungen pro Jahr zu machen. 
Vielleicht brauche ich auch einfach länger. Ich gehe ja gern Umwege. 
 
Aber es haben ja auch die Premieren- und generell die Veranstaltungszahlen an den Stadttheatern zugenommen. Warum?
Das müssen Sie die Intendanten fragen! Ich frage das sie auch immer und bekomme nie eine konkrete Antwort. Hat das mit dem Einnahmesoll zu tun? Müssen über 30 Premieren in einer Spielzeit wirklich sein? Ich verstehe das nicht. Für die Qualität der einzelnen Inszenierungen ist es bestimmt nicht von Vorteil. 

Regie und Schauspieler hätten eine große Macht im Theater, wenn sie zusammenstünden und sagten: Wir machen diesen Irrsinn nicht mehr mit. 
Es halten aber nicht alle zusammen. Zum einen tauschen sich Regisseure untereinander kaum aus. Zum anderen gibt es Regisseure, die gern knapp arbeiten, das ist auch legitim. Aber meiner Arbeit tut der Zeitdruck nicht gut. Ich sehe ja an meinen Inszenierungen selbst, wo ich am Ende etwas zurechtgebogen habe, einfach weil es an Zeit fehlte, noch einmal etwas anderes zu probieren. 

Es ist Ihnen immer wichtig, die Frauen stark zu machen, jetzt in „Beute Frauen Krieg“ auch. Immer geschieht das aus dem Text heraus, aber immer mit deutlicher Akzentuierung. Verstehen Sie das als feministische Perspektive? 
Nicht mit Absicht. Das hat oft einfach mit den Spielerinnen zu tun. Es gibt ja viel weniger große Rollen für Frauen, aber ich möchte mit den tollen Schauspielerinnen arbeiten, die ich kenne. Das habe ich mir durchaus zur Aufgabe gemacht: Wie können diese mehr vorkommen? Und das ist dann natürlich ein feministischer Blick. Immer alles aus einer Männerperspektive zu erzählen – das langweilt mich. 
 
Ist der Theaterbetrieb noch immer vor allem ein Männerladen?
Natürlich. Aber das wird jetzt ja endlich zum Thema gemacht. 
 
Aber warum ist das so? 
Das sind festgefahrene Strukturen. An der Qualität liegt es jedenfalls nicht. Als ich am Burgtheater anfing, war das Haus von älteren Herren bestimmt: Herr Peymann, Herr Zadek, Herr Tabori, Herr Hollmann. Da waren schon einige ausgeprägte Machtmenschen dabei. Und offenbar hat sich dann die Überzeugung durchgesetzt, diese Art von Machtbewusstsein braucht’s, man muss ein Zampano sein, um Regie zu führen. Das hat sich zum Glück ja auch geändert ... bei einigen zumindest.

Hat das Theater ein Sexismus-Problem? 
Man kann das natürlich nicht verallgemeinern. Aber es gibt schon Fälle, wo es klar um Sexismus geht.

Zum Sexismus gehört ja auch, dass Frauen und Männer häufig noch unterschiedlich verdienen. Ist das bei Ihnen so: Verdienen Sie weniger als Ihre männlichen Kollegen?
Ich glaube, ja. Ich komme zwar sehr gut mit meiner Gage zurecht, darum geht es auch nicht. Aber es ist ungerecht. 
 
Wie ändert man das?
Indem man laut wird und es als Unmöglichkeit benennt.

Sollte das Theater hinsichtlich seiner Arbeitsmodelle, der Verdienstverhältnisse, der Familienverträglichkeit Vorbildcharakter in der Gesellschaft haben? Momentan ist Theater ja ein eher frauen- und familienfeindlicher Betrieb. 
Da haben Sie vollkommen recht. Aber die Theater tun jetzt ja immerhin mehr, um das zu ändern. Ich kenne viele Schauspieler, die Zwei-Rollen-Verträge machen, um Zeit für die Familie zu haben. Es wird auch zunehmend darauf geachtet, dass die Probenzeiten familienverträglicher sind. Das geht im Grunde auch gut – wenn die Probenzeiten selbst nicht viel zu kurz wären. 
 
Wollen Sie Intendantin werden? Da könnten Sie selbst andere Arbeitsmodelle erproben.
Schwierige Frage. Am richtigen Ort mit der richtigen Truppe würde ich das wollen. Ich will mich ja auch nicht immer nur beschweren, sondern selbst schauen, wie es besser gehen könnte. 
 
Wollen Sie die Berliner Volksbühne übernehmen? Sie werden da ja als Kandidatin genannt. 
Ich werde da genannt? Das habe ich noch nie gehört!

Aber würden Sie?
Nein! Der Kampf um die Volksbühne ist noch so präsent. Und durch diesen Fehler, den die Politik hier gemacht hat, steht man da vor einem riesigen Berg an Problemen. 
 
Aber es wäre doch vielleicht ein guter Ort, um andere Modelle von Stadttheater auszuprobieren. 
Das stimmt. Über eine Kollektivleitung zum Beispiel würde ich auch nachdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt braucht es in Sachen Volksbühne erst mal Ruhe, Zeit. 

Wie nehmen Sie die gegenwärtige politische Situation wahr, mit einer rechtsextremen Partei als stärkste Oppositionspartei im Deutschen Bundestag?
Das macht mir Angst. Das beschäftigt mich auch sehr. Wieso werden die rechten Stimmen wieder so laut, bis in die bürgerliche Mitte? Und was tun? Vielleicht muss man wieder auf die Straße gehen? Es reicht wahrscheinlich nicht, sich am Theater damit zu beschäftigen. 
 
Sie könnten Ihre Dankesrede für den Theaterpreis nutzen, um zu sagen, was Sie politisch denken. 
Bei der Preisverleihung sind fast ausschließlich Menschen anwesend, die mich gut kennen. Freunde. Die wissen wie ich denke. Außerdem bin ich keine besonders gute Rednerin in der Öffentlichkeit.

Und wenn man Sie fragen würde, ob Sie an einem Podium mit einem AfD-Politiker teilnehmen. Thema: Braucht es mehr deutsche Dramatik auf deutschen Bühnen? 
Oh Gott, wie furchtbar. 
 
Es wird solche Podien geben, fürchte ich.
Ja, und erst mal denkt man da: Diskussion ist immer gut. Zugleich gibt man damit den rechten Positionen wieder Raum, werden sie wieder gehört. Ein sehr schmaler Grat. Generell ist für mich jeder Zwang in der Kunst eine Beschädigung der Kunst. Aber ich frage mich immer mehr: Muss man sich mehr engagieren? Ist Schweigen richtig? Wir müssen politischer werden!

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