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Menschen an Fenstern. Foto: Rebekka Waitz
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Menschen an Fenstern.

Frankfurt

Theater Willy Praml zu Heine und zur Cholera: Im flanellenen Zeitalter

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Mit einem geglückten Heine-Abend beendet das Theater Willy Praml den Frankfurter Theater-Lockdown.

Die Frage ist in diesem Fall gar nicht so sehr, ob sich Geschichte wiederholt. Der Mensch selbst ist es, dessen Arsenal an Einfällen und Haltungen trotz gewaltiger Fortschritte technischer Art dann auch wieder auf rührende Art begrenzt zu sein scheint. Das Herunterspielen und die Wellen der Panik, der Schuldzuweisung und des Hasses; der bizarre Aberglaube und die Hausmittel, die immerhin aus der empirischen Beobachtung entstanden sind; das Nutznießertum und die Anpassungsfähigkeit: Was Heinrich Heine zurzeit des Pariser Choleraausbruchs von 1832 erlebte (vgl. hierzu FR v. 26. März 2020) bietet verblüffende (und deprimierende) Parallelen zur Corona-Welt, die auch den globalisierten Menschen wieder zum Anfänger degradiert hat.

„Wir leben nicht mehr im eisernen Zeitalter“, schreibt Heine, „sondern im flanellenen. Flanell ist wirklich jetzt der beste Panzer gegen die Angriffe des schlimmsten Feindes, gegen die Cholera. ,Venus würde heutzutage‘, sagt ‚Figaro‘, .einen Gürtel von Flanell tragen.‘ Ich selbst stecke bis am Halse in Flanell und dünke mich dadurch cholerafest.“ Und auf dem Gelände der Naxoshalle schlendern wir ebenso selbstverständlich mit Mund-Nasen-Schutz umher, inzwischen gut informiert, auch wenn der multifunktionale Regisseur Michael Weber noch suchen muss, wo auf dem Testzettel steht, dass man negativ ist.

Das Kreuz an der richtigen Stelle, es verschafft Zugang zu lange entbehrten guten Seiten des Lebens, nun zum Open-Air-Heine-Abend des Theaters Willy Praml, dem Vorposten einer funkelnden Frankfurter Premierenflut in den kommenden Tagen und Wochen. Das Auge hatte zuletzt wenig Abwechslung, die verschrammte Fassade der Halle ist als Kulisse perfekt. In zweckmäßigen Abständen sitzt man in langen Reihen davor. Der Radfahrer, der jetzt vorbeifährt, gehört sicher nicht zur Inszenierung, aber rundherum geht das Leben eben weiter und ist auch der Fluglärm zurück.

Regisseur Weber und das Ensemble müssen ohnehin keine größeren Aktualisierungen vornehmen, um mit Heine zusammen auf uns und unser Heute zu sprechen zu kommen. Der Satz „Die Theater sind wie ausgestorben“ erklingt mit Donnerhall. Die fabelhafte Dehnung, die Jakob Gail dem Wort „schleunigst“ angedeihen lässt – denn schleunigst soll auch in Paris 1832 die Verordnung zum Gesundheitsschutz „in Wirksamkeit treten“ –, ist ein Spaß und Graus. Wir mit unseren Masken und Testergebnissen und dem Hüsterchen auf den Unterarm sind Teil einer großen Menschheitserfahrung. Und es ist seit jeher ein besonderer Vorzug des Theaters Willy Praml, den Raum zum Weiterdenken anzubieten, aber nicht zu offenkundig auszustatten. Die Ausstattung ist stattdessen anheimelnd theatralisch und zugleich so munter improvisiert, wie Theaterkunst auch jenseits pandemischer Lagen immer war.

Während das Preludio zum 3. Akt von „La Traviata“ erklingt, knallt eine Tür, eilt eine Dame in großer Garderobe vorüber und schreit bald ein Mensch ganz fürchterlich. In den sich öffnenden Fenstern tauchen nach und nach Willy Praml und Birgit Heuser, Jakob Gail und Muawia Harb, Hannah Bröder, Anna Staab und Sam Michelson auf. Sie hören dem Schreien zu, mit jener unverbindlichen Mischung aus Melancholie und Neugier, die Menschen häufig zu eigen ist, wenn es gerade einem anderen an den Kragen geht. Die weißen Frotteebademäntel sind ein trefflicher roter Faden zwischen Homeoffice-Verschlampung, klinischer Problematik und den erwähnten Pariser Flanellschutzschichten.

Das Schreien kommt von Heines Nachbarn, der an Cholera stirbt, denn nun geht es sanft und soghaft hinein in den Text aus den „Französischen Umständen“. Der erste Satz des Abschnitts zur Epidemie, „Ich rede von der Cholera“, hat dem Abend den Titel gegeben. Der Text wird von Schauspieler zu Schauspielerin und immer weiter gereicht, die Sequenzen haben unterschiedliche Temperaturen, zwischen denen auch Platz für Ironie, Spott und Zweifel ist. Die Cholera-Leugner bekommen ihr Fett weg, die Cholera-Paniker auch.

Ein Krankenbett erinnert daran, dass der Tod keine Einbildung ist, außerdem lässt sich allerlei anstellen damit, auch Unfug. Das Runterknallen der Seitenbretter klingt wie ein Fallbeil.

Denn der Tod, der die Bademantelträgerinnen und -träger zwischendurch heimsucht und rasch niederstreckt – aber es ist zum Glück vorübergehend –, erscheint in verschiedenen Ausformungen. Neben der Cholera ist es die Tuberkulose, an der Violetta Valéry im 3. Akt stirbt (eigentlich vom ersten Ton von Verdis Oper an stirbt): Dem massenweisen Sterben auf der Straße, das bei Heine auch eine groteske Seite hat (wie übermäßiger Schrecken oft zum entsetzten Auflachen geeignet ist), stellt das Theater Willy Praml den einsamen Tod gegenüber, der dem Corona-Ende womöglich weit ähnlicher sieht.

Nachher singen Maria Callas und Francesco Albanese (auf der Aufnahme von 1953) und Manuel Campos, Werner Heinz und Herbert Obenland (vor Ort, als drei Tenöre des Heinrich-Heine Chors Frankfurt). Der Tod besiegt die Schönheit nicht.

Gut 70 Minuten Theater, am Ende sogar ein paar drinnen in der Halle. Keine Minute davon umsonst, keine vergeudet, obwohl sie sich sogar Zeit lassen.

Theater Willy Praml, vor der Naxoshalle in Frankfurt: 5., 6., 10., 11., 12. 13. Juni. theaterwillypraml.de

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