1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Theater Willy Praml: „Was geht mich die Sklaverei an?“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Eindeutig der Schweizer und seine Verlobte.
Eindeutig der Schweizer und seine Verlobte. © Foto: Seweryn Zelazny

In Heinrich Kleists „Verlobung in St. Domingo“ werden die Weißen zu Gejagten.

Für seine 1811 veröffentlichte Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ wählte Heinrich von Kleist einen noch nicht lange zurückliegenden politischen Hintergrund (heute würde man mit ähnlichem zeitlichen Abstand wohl einen Film drehen): Den Aufstand der schwarzen Sklaven und Mulatten auf St. Domingo, heute Haiti. Jean-Jacques Dessalines, auch er ein ehemaliger Sklave, kämpfte Anfang des 19. Jahrhunderts als General gegen die Kolonialmacht Frankreich. Dass er gefürchtet war, wird bei Kleist klar. Dass er 1804 die Republik Haiti ausrief, sich wenig später zum Kaiser machte, spielt in der Novelle keine Rolle.

Vielmehr geschieht hier alles mitten in der Umkehr der Verhältnisse, die die Weißen, Sklavenhalter und andere, zu Gejagten macht – durch jene, die sie zu „besitzen“ glaubten. Das französische Militär versuchte damals, wenigstens Port-au-Prince zu halten, Plantagenbesitzer und ihre Familien waren auf der Flucht und wollten die Stadt erreichen. Und Nicht-Franzosen sagten womöglich, was der junge Schweizer Gustav sagt: „Was geht mich die Sklaverei auf Haiti an?“

„Schwarz/Weiss“ überschreibt Michael Weber seine Inszenierung der Kleistschen Novelle, arbeitet deren Kern mit Bedacht heraus. In ihr schlägt sich der Dichter bei gebräuchlicher Verwendung des N-Worts – es transportiert hier keine Verachtung – keineswegs auf die Seite der Weißen. Schon gar nicht auf die des weißen Gustav, der der jungen Mestizin nicht vertraut, mit der er sich doch gerade noch euphorisch „verlobt“ hat. Man darf vermuten, dass sein Misstrauen nicht zuletzt mit der Hautfarbe Tonis zusammenhängt. Als er sie als „schöne Seele“ erkennt, hat er sie bereits erschossen. Und folgt ihr in den Tod.

„Schwarz/Weiss“ gehört zu den Produktionen des Frankfurter Theaters Willy Praml, deren Premiere um etwa ein Jahr verschoben werden musste. Aber einzig die kurze Bezugnahme auf den von einem Polizisten erstickten Afroamerikaner George Floyd am Ende des rund zweistündigen Abends ist durch die Verschiebung ein Stück weiter in die Vergangenheit gerückt. Der Name Floyd dürfte aber noch ausreichend präsent sein.

Womöglich ebenfalls der Pandemie geschuldet ist, dass Michael Weber mit vier Personen auskommt – andererseits hat auch Willy Praml, bei dem Weber viel gelernt hat, immer geschickt reduziert, ohne die Komplexität mitzureduzieren. Und vor allem ohne bei der Sprache Abstriche zu machen, seien es auch die Schachtelsätze eines Heinrich von Kleist.

Die vier „Schwarz/Weiss“-Akteure sind Hannah Bröder und Birgit Heuser, als Toni und ihre Mutter Babekan, Mestizin und Mulattin, von Paula Kern schwarz gekleidet; Jakob Gail ist (die Socken verraten es sofort) der junge Gustav; Muawia Harb muss sich schon nach ein paar Sätzen erschießen lassen und dann lange liegenbleiben, ehe er als Gustavs Vetter Strömli zurückkehrt ins Spiel. Das, wie es bei Pramls weiterhin gute Tradition ist, einen Bühnenrealismus in der Grandezza der Naxoshalle gar nicht erst versucht.

Schaukelstühle, eine Videowand, auf der die Schrift „Schwarz“ und „Weiss“ sich zuletzt in Flimmern auflöst (Video: Rebekka Waitz), ein mit schwarz-weißen Folien bedeckter Boden, dazu gelegentliches Schneerieseln, das genügt als Ausstattung (Weber). Toni betet und bittet „Mach mich weiß“ (wie könnte man nicht an Michael Jackson denken?), sie scheint zu ahnen, dass sie Gustav andernfalls nicht genügt. Im weißen Schnee ist sie glücklich, juchzt wie ein Kind.

Heute würde man sie als Kind bezeichnen, bei Kleist ist sie 14. So dass nicht nur die Nutzung des N-Worts den Text in seiner Zeit verankert. Warum ihn das Theater Willy Praml spielt, warum er immer noch aktuell ist, das macht dieser Abend ausreichend klar.

Theater Willy Praml in der Naxoshalle Frankfurt: 4.-6., 11.-13., 18.-20. Februar. www.theaterwillypraml.de

Auch interessant

Kommentare