Theater Willy Praml

Theater Willy Praml: „Erreger“ – Ein Virus als Metapher

  • vonStefan Michalzik
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Auch das Theater Willy Praml öffnet und nimmt sinnig Albert Ostermaiers Monolog „Erreger“ wieder auf.

Nein, nein, bedeutet der Schauspieler Jakob Gail seinem Regisseur Willy Praml beim finalen Applaus mit einem Lächeln: nicht sich bei den Händen fassen wie gewohnt! Davon abgesehen scheint gleich bei der ersten Vorstellung unter den derzeitigen amtlichen Bedingungen alles wie in bereits geübter Routine abzulaufen. Die vertrauten Menschen an Kasse und Getränkestand hinter Plexiglaswänden, die Zuschauer erreichen ihre in regelkonformen Abständen von Reihe zu Reihe versetzten Plätze über einen Parcours. Auch hier besteht die Maskenpflicht nur beim Einlass und beim Herausgehen, nicht während der Aufführung. Die Naxoshalle ist gut durchlüftet, mollig anziehen sollte man sich bei niedriger Abendtemperatur.

Das spektakuläre Ausmaß der Halle im Frankfurter Nordend ist der Trumpf des Theaters Willy Praml, von dem viele andere Bühnen im Moment nur träumen können. Als Wiederaufnahme wird die vor sechs Jahren im Zuge von Pramls Darwinzyklus „Der Mensch ist ein soziales Tier“ entstandene Inszenierung von Albert Ostermaiers Monodrama „Erreger“ gespielt. Ein Schauspieler allein, da gibt es kein Problem mit dem Abstands (selbst wenn zuweilen eine jugendliche Statistin in Erscheinung tritt).

Abweichend von der Premiere wurde die Situation zudem umgedreht: Die unerhörte Tiefe des Raumes fällt zugunsten einer Kammerbühne weg, denn das Publikum sitzt jetzt da, wo sonst gespielt wird. 52 Menschen maximal, Platz wäre für mehr, dann aber mit unzureichender Sicht. 150 Plätze gibt es sonst, doch wie aus Kreisen des Theaters zu erfahren war, rechnet sich der Betrieb einigermaßen, weil die Produktion bereits existierte und lediglich ein Schauspieler bezahlt werden muss.

Da sitzt er nun fest

„Erreger“ – Untertitel: „Ein Trader in Quarantäne“ -, im Jahr 2000 uraufgeführt und entstanden unter dem Eindruck der damaligen Finanzwelt, stellt eine beziehungsreiche Wahl dar, wenngleich dem Virus hier eine eher metaphorische Rolle mit Blick auf die Gesellschaft zukommt. Ein so erfolggewohnter wie psychisch deformierter Börsenmakler, der sich zuletzt desaströs verzockt hat, sieht sich in einer Klinik festgesetzt. Der großartige Schauspieler Jakob Gail gibt Ostermaiers lyrikhaft akzentuierten und die Realität triftig überhöhenden Monolog in einer unbedingt sehenswerten Art.

Hernach sind die Zuschauer angehalten, das Theater nicht im Pulk zu verlassen. Viele verweilen auf den Plätzen und unterhalten sich über die Distanz hinweg – das Theater auch als Ort der Begegnung ist wieder da. Hocherfreulich fürs Erste.

Theater Willy Praml, Frankfurt: 12., 13., 19., 20., 26., 27. Juni. theaterwillypraml.de

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