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Und zeigt die Muskeln: „J.U.D.I.T.H.“.
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Und zeigt die Muskeln: „J.U.D.I.T.H.“.

„Radikal jung“

Das Theater sieht dich an, fordert dich heraus

Eindrücke vom Festival „Radikal jung“ in München, bei dem der Wechsel des Blickregimes teils reizvolle, bewundernswerte neue Perspektiven eröffnet.

Von K. Erik Franzen

Das kann ein Zeichen sein. Die Zuschauerreaktionen sprechen sogar dafür, dass es sich hier um ganz viele Zeichensetzungen handelt. Sie halten ihre Hände schützend vor die Augen oder senken den Blick. Manche schauen auch nach hinten ins Publikum. Die Zahl derjenigen, die hier Notizen machen, ist größer als sonst – und das rührt sicher auch daher, dass bei einem Festival nun mal das Fachpublikum angesprochen ist. Aber in erster Linie liegt das an „Flimmerskotom“, dem verstörend-schönen Auftaktstück von „Radikal jung“.

Am Münchner Volkstheater finden jährlich von einer dreiköpfigen Jury ausgesuchte Stücke von jüngeren, in der Anfangsphase ihrer Karriere befindlichen Regisseuren (in diesem Jahr sollte man eher sagen Regisseur*innen) ihren Platz. Das gilt auch für „Flimmerskotom“. Gregor Glogowski, Alisa Hecke und Benjamin Hoesch kennen sich durch ihr gemeinsames Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen. Ihr Stück öffnet Spielräume ohne Ende. Aber nicht für Schauspieler – die in der Inszenierung (oder Performance?) fehlen, sondern für die Zuschauer.

Einziger Akteur ist ein fast fünf Meter hoher Turm aus analogen Scheinwerfern, der sich bedrohlich hin und her bewegt und nicht selten seine volle Leistung ins Publikum feuert. Da helfen nur noch Sonnenbrillen und gut organisiertes Stiftmanagement um all die aufblitzenden Gedanken festzuhalten. Zusammen mit dem ruhig-beunruhigenden Soundfile, das nur aus bearbeiteten Geräuschen der Lichtanlage besteht, entwickelt sich so etwas wie ein Lightroom der Orientierungslosigkeit, vielleicht auch „Solaris 4.0“ – Tarkowskij revisited.

Ersan Mondtag, beinahe schon ein Stammgast bei diesem Festival, spielt mit den Ängsten der Betrachter. Sein im Staatstheater Kassel uraufgeführtes Stück ?Tyrannis? überzeugt durch die Verdichtung der Form. Ästhetisch zwar sehr sichtbar an bekanntem Material haftend (Paranormal Activity, Die Sims, Shining, David Lynch, Real Humans) und zeitweise redundant, kann die Inszenierung dennoch fesseln. „Tyrannis“ ist eine Version des neuen Theaters der Grausamkeiten, für das in den letzten Jahren Susanne Kennedy zu Recht gefeiert und Vegard Vinge viel beachtet worden sind.

Friedrich Hebbels „Judith“ dient den Performerinnen Marja Christians und Isabel Schwenk mehr oder weniger nur noch als Objekt der Auseinandersetzung mit der männlichen Blickherrschaft über Frauen. Sie obduzieren das Stück geradezu und nennen es folgerichtig „J.U.D.I.T.H.“. In dem komplett erleuchteten Raum sind sie fast die ganze Zeit über völlig nackt. Immer wieder suchen ihre Blicke die Blicke des Zuschauers auf ihre Körper.

Und der Computer fragt

In dieser intellektuellen Dildo-Revue mit Akrobatikeinlagen und Positionswitz („Wer zieht das Schwert aus der Scheide?“) geht es ihnen nicht nur darum, die Geschichte der Wiederaneignung weiblicher Körper zu erzählen. Das Besondere ist vielmehr der Richtungswechsel von der Bühne zum Publikum: Im anschließenden Zuschauergespräch tauschen sich die Zuschauer in Eigenregie zu vorgegebenen Fragen eines Computers aus und diskutieren untereinander, belauscht von den Schauspielerinnen und nunmehr in schützender Dunkelheit, über das, was das Stück mit ihnen gemacht hat.

Die Stärke des Festivals „Radikal jung“ ist ja die Generierung eines ganzes Knäuels von Fragen, Themen, Ansätzen: Welch wunderbar lautes, ungezwungenes Nachdenken von Machern und Publikum über Theater und die Welt. Auffällig in diesem Jahr scheint, dass deutlicher denn je die Institution Theater Gegenstand der Untersuchungen ist, dass die Grenzen zwischen Theater, Performance, Kunst-Aktionen und Kunst-Räumen immer bröseliger zu werden scheinen.

Das Blickregime wechselt: Das Theater sieht dich an. Fordert die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden, mit der Frage, wer bestimmt und wer bestimmt wird. Das ist ein Zeichen. Ein hoffnungsvolles.

Volkstheater München: Festival „Radikal jung“ bis 30. April.

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