Intendant Voges wechselt nach Wien
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„Wir forschen kontinuierlich“, sagt Kay Voges. Er sorgt sich jedoch, dass Online-Angebote von Theatern in der Corona-Krise zu Alibiveranstaltungen verkommen.

 „Von Kleinfamilie in Quarantäne erzählen“

Regisseur erwartet viele Theaterstücke über Corona

Theater-Regisseur Kay Voges spricht im Interview über Streaming in Corona-Zeiten und über Stücke, die sich mit der Pandemie beschäftigen.

  • Auch das Theater steht wegen der Corona-Krise still
  • Regisseur und Intendant Kay Voges erwartet viele Stücke, die die Pandemie aufarbeiten
  • Bei digitalen Theater-Angeboten befürchtet er Alibiveranstaltungen

Kay Voges, 1972 in Düsseldorf geboren, ist seit 2010 Intendant des Schauspiels Dortmund. Aktuell wäre er an den Bühnen Frankfurt als Regisseur an der nun verschobenen Uraufführung von Lucia Ronchettis Oper „Inferno“ im Bockenheimer Depot beteiligt gewesen. Im Sommer wechselt er als Intendant ans Volkstheater Wien. 

Herr Voges, Theater ist eine analoge Kunst. Worin liegt seit Jahrtausenden seine besondere Kraft?

Theater findet in einem Augenblick statt, in dem Darsteller und Zuschauer sich Zeit und Raum teilen. Die gemeinsame Zeit ist das Besondere – insofern ist Theater immer Gegenwartstheater. Beim Raum stellt sich die Frage, ob das immer ein Theaterraum sein muss. Der virtuelle Raum ist auch eine Option.

In Corona-Zeiten versuchen sich viele geschlossene Theater an digitalen Angeboten.

Ich sehe hier die Gefahr, dass die zur Alibiveranstaltung werden, um eine Daseinsberechtigung zu beteuern.

Haben Sie sich eine gestreamte Aufführung angeschaut?

Ja. Man muss unterscheiden: Nimmt man an einem Livestream teil, ohne vor Ort zu sein, oder schaut man eine Aufzeichnung an. Aufgezeichnete Aufführungen haben einen historischen Wert. Die Definition von Theater ist hier nicht mehr erfüllt. Das ist mehr ein historisches Erzählen, die Zuschauer nehmen nicht mehr am Moment des Spiels teil. Wenn das die Zukunft wäre, wäre es eine traurige Angelegenheit.

Theater während Corona: „Hat immer mit Virtualität zu tun“

Wie versuchen Sie, dem Theater neue Räume zu erschließen?

Ich finde es aufregend, mir die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen deutlich zu machen. Wir haben 2013 im Stück „Das goldene Zeitalter“ Live-Aufnahmen von Demonstrationen auf dem Maidan-Platz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gezeigt. So wollten wir die Gegenwart an einem Ort mit der Gegenwart an einem anderen Ort in Beziehung setzen.

Was können Theater in dieser Hinsicht gut?

Theater hat immer mit Virtualität zu tun. Wie oft steigen die Geister der Vergangenheit aus dem Bühnenboden herauf. Theater hat immer solche Geschichten erzählt – Theatermacher sind somit Fachleute für Erzählen im virtuellen Zeitalter. Dass man dafür die aktuell verfügbaren technischen Instrumente nutzt, ist natürlich.

Was müssen Theatermacher dazulernen?

Theater machen ja seit geraumer Zeit den Wandel mit. Ihre Häuser waren im industriellen Zeitalter Maschinen, die man bedient hat – bei der Bühnentechnik zum Beispiel. Jetzt werden sie Rechner, die per Computer etwa das Licht steuern. Dazu ist unsere Akademie da: Sie bildet einerseits fort, andererseits ist sie auch ein Raum, um etwas auszuprobieren. In dem man auch scheitern darf, was im normalen Produktionsprozess – auch wenn wir oft das Gegenteil behaupten – nicht wirklich vorgesehen ist.

Welche Ideen gibt es?

Wir können Daten der Zuschauer erheben, Algorithmen und Netzwerke bauen – ganz individuell für jeden Besucher. Wir können per Twitter die Zuschauer am Bühnengeschehen beteiligen.

Corona-Krise: Partiziation „kein Allheilmitel“ fürs Theater

Zur Person

Am Dortmunder Theater hat Kay Voges die „Akademie für Theater und Digitalität“ gegründet. Voges selbst inszenierte 2018 etwa „Parallelwelt“ in Dortmund und Berlin – Videos von beiden Bühnen wurden je an den anderen Ort übertragen, die Ensembles interagierten. Auf der Webseite des Theaters Dortmund findet sich der lebhafte Online-Spielplan des Hauses.

Partizipation ist ja das Zauberwort für das gegenwärtige Internet.

Im Theater kann es ein Bestandteil sein – aber nicht das Allheilmittel fürs Theater der Zukunft. Teilhabe funktioniert im Theater immer noch vorwiegend über Schauen, Hören, Denken, Empathie.

Was erleben Sie mit neuen Formen?

Wie schnell sie sich entwickeln. Was wir 2015 bei einem „Hamlet“ noch erkämpft haben, ist heute technischer Standard. Wir forschen kontinuierlich.

Woran?

Zum Beispiel an Augmented Reality – der Zuschauer sieht etwas auf der Bühne und auf dem Handy noch etwas dazu. Oder an einer Künstlichen Intelligenz als Spielpartner. Robotik für Bühnenverwandlungen. Wir erforschen, wie Erzählungen stattfinden können, die verschiedene Orte verbinden. Oder: Wie können wir dem Zuschauer ein intensiveres Klangerlebnis ermöglichen, als wäre er mittendrin im Bühnengeschehen?

Warum ist dieses Ausprobieren wichtig?

Theater findet in zeitlicher und räumlicher Gemeinsamkeit statt. Der zeitliche Faktor, die Gegenwart, ist Aufgabe der Schauspielkunst. Sie ist flüchtig und trägt darum Verantwortung. Wir müssen uns fragen: Was ist unsere Gegenwart? Die Welt ist globalisiert und vernetzt – wenn wir davon erzählen wollen, können wir das auf der Bühne tun, wir können den Raum aber auch erweitern.

Regisseur vermutet: Theater wird von Corona-Krise erzählen

Haben Sie ein Beispiel?

Wir werden hoffentlich im Theater viele kluge Analysen, Hypothesen und Utopien erleben, die sich mit der Corona-Pandemie beschäftigen. Wie erzählen wir davon? Wir können von einer in Quarantäne eingeschlossenen Kleinfamilie erzählen, das wird es sicher häufig geben, wir können aber auch von der globalen Dimension erzählen.

Geht das Publikum da mit?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Zuschauer wesentlich mehr in der Gegenwart befinden als viele Theaterkritiker. Fast alle haben Handy, Skype, Netflix, E-Mail – all das ist Teil unserer Lebenswirklichkeit. Es ist anachronistisch zu denken, wer Theater macht, lässt all das außen vor.

Was kann Bühnenkunst vom Internet lernen?

Die Formen des Erzählens ändern sich. Wie erzählen wir uns heute Wirklichkeit? Wir klicken von Link zu Link. Unsere Realität entspricht nicht mehr der des bürgerlichen Trauerspiels mit fünf Menschen, die wir fünf Akte lang begleiten. Wir müssen eine Erzählweise finden, die ebenso viral ist, wie unsere Welt. Die dieser Komplexität nahekommt. Geht das noch mit Schiller und Goethe? Mehr Weltgemeinschaft als jetzt, während der Pandemie, gab es in der Geschichte der Menschheit nie. Kann man danach zurückgehen zu den Klassikern? Ich bezweifle es.

Interview: Bettina Fraschke

Oberbürgermeister Peter Feldmann hat den Neubau der Städtischen Bühnen Frankfurt wegen der Corona-Krise erst einmal auf Eis gelegt. Das Projekt ist ohnehin umstritten: Eine Petition, die den Abriss von Oper und Schauspiel in Frankfurt verhindern will, hat bereits tausende Unterstützer.

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