+
In Anna Viebrocks Welt.

Theater

Der Reinfall des Hauses Usher

  • schließen

Ein melancholischer, aber vor allem zäher Abend zu Debussys nicht zäher Opernrarität in Mannheim.

Claude Debussys Opernfragment zu Poes Erzählung „The Fall of the House of Usher“, rekonstruiert und vervollständigt von Robert Orledge, ist eine Stunde Musik, die an die melancholische Unglücksstimmung von „Pelléas und Mélisande“ erinnert. Die Situation gibt allerdings der Vorlage gemäß zu keinem Moment Anlass, auf einen guten, wenigstens glimpflichen Ausgang zu hoffen. Die Schwester des unglücklichen Roderick Usher, natürlich dem letzten seiner Art, kann zwar noch ein zauberhaftes Lied singen, tritt jedoch anschließend nurmehr nach dem jeweiligen Geschmack der Regie auf.

Außer einem Freund, den der verzweifelte junge Mann herbeigerufen hat, tummelt sich noch ein Arzt auf der Szene, auf den kein Verlass ist. Ohnedies ist Verlass allein auf das – entsetzlicherweise auch noch pochende – Unheil, das Debussys Musik mit der gewohnten Subtilität vermittelt, auch am Nationaltheater Mannheim unter dem Dirigat von Benjamin Reiners: eine fragile und ausreichend mysteriöse Rarität breitet sich mit Geschmack aus. Im Anschluss wird sie jedoch zu einem länglichen, sogar unendlich langen Ratespiel angedickt. Das Ratespiel heißt bloß etwas kürzer „House of Usher“, aber Debussys Oper und überhaupt Debussys Musik, ergänzt unter anderem um Nummern mit Klavier, tritt bald zurück vor einer Fantasie Anna Viebrocks. Die bekannte Bühnenbildnerin sorgt für das Gesamtkonzept, das jedoch seine Bedeutung ganz für sich behält und daraus buchstäblich eine Mördergrube macht.

Das ist eingangs noch eine Verheißung. Selbstredend hat Regisseurin Viebrock ein echtes Viebrock-Bühnenbild zur Verfügung, ein steiles, unlogisches, verbautes und vor langer Zeit zuletzt teiltapeziertes Geisterhaus, in dem sich ausgerechnet etwas degenerierte englische Clubmitglieder die Zeit mit Whiskey und Vor-sich-Hinstarren vertreiben. Sie plaudern dann – dazu schwarz-weiß auf einer flachen breiten Leinwand über der Bühne gedoppelt (Video: Lisa Böffgen) – über Poe-Erzählungen. Rodericks schon oder jedenfalls nachher tote Schwester Madeline, Estelle Kruger, spukt bereits umher und schmeißt Bücher um. Die Herren bleiben recht gemütlich.

Der schottische Schauspieler Graham F. Valentine, eine unwiderstehliche Christoph-Marthaler-Figur, hier mit besonders viel Geister-Appeal, wird zum Conférencier und Vorleser, herrlich sein Englisch, was haben wir diese Sprache geliebt. Roderick Usher, Thomas Jesatko, sein Freund, Jorge Lagunes, und der Arzt, Uwe Eikötter, tauchen auf beziehungsweise lösen sich nach und nach aus der Clubisten-Gruppe und fangen an zu singen und zu zagen.

Und schon sind wir drin. Kommen aber nicht mehr raus. Denn Viebrock geht offenbar davon aus, dass Lady Madeline die Oper überlebt. Ihr scheint der Rest des Abends gewidmet zu sein, aber das ist gar nicht interessant. Madeline liegt auf dem Bett und hantiert privat und nicht einleuchtend mit Fotos und anderen Dingen. Sie und Viebrock, das wiederum könnte einem Opernkomponisten von Berufs wegen nicht passieren, verlieren dabei völlig das Zeitgefühl. Beim Zuschauen wird es einem wohl anders ergehen. Auf einmal ist da überhaupt nur noch die Zeit.

Ab und zu erklingt Musik (der coole Pianist: Antonis Anissegos), Menschen kommen und gehen und tun sehr langsam unvernünftige Dinge. Vielleicht will Madeline nicht mehr leben. Im Operngebäude liebevoll nachgestellte Filmausschnitte sind unterhaltsam und in dieser Situation ein Göttergeschenk. Aber der Zusammenhang zum Gesamtgeschehen muss mühsam konstruiert werden. Auch läppert dieses immer weiter, wobei die Vorstellung in jedem Moment ebenso gut enden könnte. Fatal, aber nicht so, wie Poe sich Fatalitäten vorstellte.

Debussys Intensität bekommt keine Chance. Wie das konzentriert wirkende Ensemble wird die Musik den unerfindlichen Bildern untergeordnet.

Nationaltheater Mannheim:
20. April, 16., 31. Mai.
www.nationaltheater-mannheim.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion