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Die spiritistische Madame Flora, Meredith Arwady.

Bockenheimer Depot

Mit reduziertem Süßstoff

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Gian Carlo Menottis „The Medium“ und Bruno Madernas „Satyricon“ als Opern-Doppel im Bockenheimer Depot.

Die letzte Premiere der Frankfurter Opern-Saison galt zwei Einaktern, die in den 40er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Beides markante Setzungen in allerdings sehr unterschiedlichen ästhetischen Milieus. Gian Carlo Menottis 1946 in New York uraufgeführte Oper „The Medium“ war eine der vielen höchst erfolgreichen Kreationen des 2007 mit 96 Jahren verstorbenen italienisch-stämmigen Komponisten. Ein Repräsentant dessen, was man als Neo-Puccinismus der sogenannten gemäßigten Moderne zuschlagen konnte. Bruno Madernas „Satyricon“, 1973 in Scheveningen im Jahr seines Todes uraufgeführt, war dagegen das Produkt eines ganz in der Avantgarde maßgeblich Darmstädter Provenienz verankerten Exponenten Neuer Musik: ein begnadeter Dirigent und origineller Komponist zugleich.

Aus der Perspektive einer musikalischen und szenischen Collage in offener Form, die das Pandämonium römischer Dekadenz grell beleuchtet, musste Menottis sachter Gothic-Grusel mit Psycho-Attitüde und einigen komischen Oberlichtern um eine spiritistische Betrügerin und ihr bizarres Schicksal medioker erscheinen. Umgekehrt konnte die Anverwandlung der literarischen Vorlage des Gaius Petronius Arbiter im Vergleich mit Federico Fellinis „Satyricon“-Verfilmung einige Jahre zuvor wie eine Aktualisierung mit untauglichen Mitteln steifer Serialität mit elektronischem Schnickschnack und pennälerhaft eingebauten hehren Zitaten aus der Musikgeschichte wirken.

Im Bockenheimer Depot lässt sich jetzt die Probe aufs Exempel machen, und die fiel deutlich zugunsten des Werks Menottis aus. Sicherlich waren 1973 noch nicht genügend medialer Trash, noch keine Aufsteiger-Formate à la „Die Geissens“ oder „GNTM“ sowie „Dschungelcamp“ als Fremdschämformate samt der pornografischen Rundumversorgung des Bürgers mittels Internet gegenwärtig.

Aber Bruno Madernas Bemühen einer Crossover-Ästhetik mit ihrem mash-up hatte vielleicht auch nur die Funktion, ein Selbstporträt des Komponisten als eines musikalischen Vielfressers in der Person des römischen Aufsteigers Trimalchios zu präsentieren: ein keinen ästhetischen Happen von der Aleatorik über Serialität und alle Arten musikalischer Tradition auslassender Gargantua. Ein Löschpapier, auf dem sich die unterschiedlichsten Signaturen der Avantgarde in Eintracht und Einfalt begegneten, samt dem als besonderer Genuss avisierten eigenen Begräbnis als Finale des großen Fressens.

Im Bockenheimer Depot fand jetzt in der Regie Nelly Dankers das Verschlingende der grenzenlosen Anverwandlung und Ausnutzung aller Möglichkeiten, das Pandämonium der völlenden und kopulierenden Kreaturen nicht statt. Aber statt dessen auch nichts anderes, sondern allein das biedersinnige Narrativ von dem bösen trägen Gargantua und seiner besseren Hälfte Fortunata und den mitlaufenden Satrapen in all der schal gewordenen Visualität von goldener Maschinenpistole, ein bisschen Antiken-Fragment, maschinellem Blumen-Corso, Stöckelschuh und Wackel-Popo.

Weder Bühnenbild noch Ausstattung hatten Reiz, so dass allein die sängerische Leistung dominieren konnte. Herausragend ist Peter Marsh als Trimalchio: ein ebenso verweichlichter wie selbstherrlicher Repräsentant einer Aufsteiger-Dekadenz, die sich in stimmlicher Nachdrücklichkeit betonte. Das kleine Orchester spielte unter der Leitung Simone de Felices, der dem vielgestaltigen Maderna-Ton in den wuchtigen oder banalen Intonationen der musikgeschichtlichen Lebenswelt das meiste abgewinnen konnte.

Bei Menottis Einakter hatte Nikolai Petersen die musikalische Leitung. Im Vergleich mit anderen Menotti-Interpretationen war hier eine deutliche Reduzierung des Süßstoff-Anteils im klingenden Post-Puccinismus zu bemerken. Ein Entzug, der dem inszenatorischen Ansatz Hans Walter Richters entgegenkommen musste. Der mit dem spiritistischen Thema des Mediums gegebene Aspekt von Realitätskonstruktivismus mittels Einbildung, Manipulation und Suggestion, der harte, paranoide, ja tödliche Fakten schafft, war in ein psychopathologisches Beziehungsdrama umgewandelt worden.

Statt der Fokussierung auf die täuschende Spiritistin Flora, die zuletzt ihrer eigenen Strategie der Suggestionsherrschaft erliegt, wird hier die Disposition ihres personalen Umfelds küchenpsychologisch aufgewertet. Das Schicksal der beiden sich liebenden jungen Leute (Tochter und Ziehsohn) im Haushalt des „Mediums“ wird intensiv vermittelt, wenn auch in einer traumatischen Vater-Sohn-Beziehung plakativ besetzt und in einer finalen Mord-Selbstmord-Verdopplung manipuliert.

Die Dialektik des Kontakts mit Totem, die das Tote lebendig und das Lebende tot macht, hatte aber anrührende Qualität, was nicht zuletzt an den wunderbaren Darstellern von Madame Flora (Meredith Arwady), Monica (Louise Alder) und Toby (Marek Löcker in stummer Rolle) lag. Phänomenal der Gesang und die Aktion der beiden weiblichen Rollenträger, wobei Meredith Arwady als Furie der geschäftstüchtigen Übersinnlichkeit eine Klasse für sich ist. Allein wegen ihres Auftritts lohnt sich der ganze Abend.

Termine und Infos

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 17., 20., 22., 24., 27., 29. Juni. www.oper-frankfurt.de

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