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„The Totalitarians“: Von den Übeln des Populismus

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Von: Marcus Hladek

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Eine Politikerin, inspiriert einst von der Rechten Sarah Palin. Foto: Martin Kaufhold
Eine Politikerin, inspiriert einst von der Rechten Sarah Palin. Foto: Martin Kaufhold © Copyright: Martin Kaufhold, Ernst-Göbel-Str. 37a D - 65207 Wiesbaden, 0171 4158942 IBAN DE72 4305 0001 0113 5614 50 BIC WELADED

Fast prophetisch: „The Totalitarians“ von Peter Sinn-Nachtrieb am English Theatre.

The Totalitarians“ von Peter Sinn-Nachtrieb erzählt von der sehr unbedarften Politikeinsteigerin Penny, am English Theatre gespielt von Sarah Waddell, und ihrer talentierten Redenschreiberin Francine (Katy Federman), die in der Kandidatin für ein Amt im sehr ländlichen Staat Nebraska den Ausweg aus ihrer Midlifecrisis sieht. Als Ex-Rollschuhprofi ohne Geschmack trägt Waddells Penny schrille Kostüme mit viel Pink, während Francine ihren Ehrgeiz und ihr Ungenügen an der Ehe mit dem braven, aber langweiligen Arzt Jeffrey (Mark Hammersley, irgendwie immer im Pyjama) gern in förmliche Anzugkostüme verpackt. Außerdem ist da noch der todgeweihte Patient und Chaot Ben, der schlechte Internet-Clips dreht und Jeffrey mit seinen Verschwörungstheorien ansteckt, bis er sich als Pennys verstoßener Sohn entpuppt und ihr zur Nominierungsfeier ein blutiges Finale liefert (Nikolas Salmon).

2014 entstanden, handelt die satirisch-farceske schwarze Komödie fast prophetisch von den Übeln des politischen Populismus, wie er kurz darauf in Donald Trump zu voller Blüte gelangte. Als direktes Vorbild für Penny bringt Regisseur Mark Mineart auch die US-Politikerin Sarah Palin ins Spiel, die Trumps Eigenschaften vorwegnahm und es so schon zur Gouverneurin in Alaska und Kandidatin für das Vizepräsidenten-Amt brachte.

„The Totalitarians“ ist auf leicht boulevardeske Art nicht übel und wird vom gut eingestellten Quartett britischer Darsteller in dieser europäischen Erstaufführung überzeugend entfaltet, was dank des skurrilen Witzes und der fleißig genutzten Drehbühne für rasche Szenenwechsel mit wechselnden Billboard-Bildmotiven auf pragmatisch-realistische Weise im Sauseschritt vonstatten geht (Bühne, Kostüme: Richard Evans).

Wie Regisseur Mineart richtig erkennt, wird man das Stück unweigerlich mit Blick auf Trump anschauen, also vom Standpunkt einer Dauerkrise mit dem Potential für vieles, oder im Extrem: Verfassungskrise, Umsturz im zweiten Anlauf, ein Klima für Anschläge und Bürgerkrieg, Präsidialdiktatur, Aushöhlung der Demokratie in Amerika, autoritäre Staatsform. Oder alles geht gut. Im Stück ist es der Sohn der Kandidatin (die ohne Vorlage keinen sinnvollen Satz zustandebringt, Fremdwörter durch den Wolf dreht und ihre düsteren Instinkte nur mit Francine umsetzen kann), der seine Mutter durchschaut – und damit irgendwie auch Trump.

John Dean, der als Richard Nixons Anwalt ungewollt dessen Komplize war und doch das Kartenhaus Watergate zum Einsturz brachte, wurde nach fünfzig Jahren kürzlich von CNN gefragt, was die Amerikaner gelernt hätten. Vielleicht gar nichts, lautete die Antwort des 83-Jährigen: Zehn Jahre hielt der Schrecken vor, dann zeigten die Präsidenten Schritt um Schritt die alte Hybris, bis Bush und Cheney im 9/11-Fieber foltern ließen – was Nixon nie getan hätte, so Dean. Richtig gut sehe Nixon mit Trump verglichen aus: „Nixon hatte ein Gewissen. Er kannte Schuldbewusstsein... innere Kontrolle. Die fehlt Trump völlig. Bei Watergate war ich nie besorgt, die Demokratie stehe auf dem Spiel... Trump steht für das, was aus Nixon hätte werden können: dass ein Präsident sagt, mir egal, was die Wähler bestimmt haben, ich bleibe wo ich bin und richte mir das System so ein, dass ich vorgeben kann, ich wäre weiter Präsident. Trump hat jede Lehre aus Watergate zerschmettert.“

„The Totalitarians“ beleuchtet eine Zwischenstufe auf diesem Weg. Dafür ist dies ein äußerst instruktives Stück in gutgemachter Regie.

English Theatre Frankfurt: Termine bis 24. Juli. english-theatre.de

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