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„The Minutes“ in Wiesbaden: Big Cherry, wie es begann

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Von: Marcus Hladek

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Tracy Letts’ „The Minutes“ am Staatstheater Wiesbaden: Noch wird glatt gelächelt im Stadtrat von Big Cherry. Foto: Karl und Monika Forster
Tracy Letts’ „The Minutes“ am Staatstheater Wiesbaden: Noch wird glatt gelächelt im Stadtrat von Big Cherry. © Karl und Monika Forster

„The Minutes“: Das Staatstheater Wiesbaden zeigt Tracy Letts’ rasantes Stück über (amerikanische) Geschichtsfälschung.

Der auch als Schauspieler äußerst erfolgreiche Autor Tracy Letts wurde am 4. Juli geboren, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung in den USA. Spätestens mit „The Minutes: Die Schlacht am Mackie Creek“ (deutsch von Anna Opel) holt das Prinzip Gründungsmythos ihn ein. In Wiesbaden im Bühnenbild der Regisseurin selbst inszeniert von Daniela Kerck, verweist das Stück im Titel („Das Protokoll“) auf die Grundidee: eine Stadtratssitzung in Big Cherry – und das Sitzungsprotokoll der vorigen Woche.

Dass mit dem seither verschwundenen Stadtrat Mr. Carp etwas passiert sein muss, deutet sich ganz allmählich an. Gesprochen wird lieber über die Sintflut, ertrinkt Big Cherry doch seit Wochen im Regen, der sich hinter dem Panoramafenster nachtschwarz austobt. Immerhin liegt der Ort im Bible Belt, also eröffnet man Sitzungen betend und schwört den Fahneneid teils in Orantenhaltung. Manchmal scheint die weltliche Moderne hier eine Oberflächentünche, ähnlich dem hellen Edelholz in der City Hall, wo sich frontal zu uns das Halbrund von Stühlen auf dem Stadtwappen-Teppich öffnet, Bürgermeister Superba (Jürg Wisbach) uns vom Rednerpult adressiert und ein Protokolltisch nebst Wasserspender das Funktionelle betont. So sprechend wie Superbas Name (superbia: Hochmut) sind die anderen: Oldfield (Benjamin Krämer-Jenster), die Protokollantin Miss Johnson (Lena Hilsdorf; wie Samuel Johnson), Assalone (Matze Vogel) für mafiösen Umgang mit Stadtgeldern und so fort.

Dass Carp (Uwe Kraus) im szenischen Rückblick doch noch auftauchen wird, verdankt sich Mr. Peel, dem neuen Stadtrat (Lukas Schrenk), der die Kollegen mit seiner Penetranz antreibt, ja schier häutet (to peel) und zur Herausgabe des Protokolls zwingt. Sie bieten immer neue Finten auf. Die von Carp entdeckte, sogleich vertuschte Wahrheit über die Gründung Big Cherrys ist eben grundstürzend. Nach offizieller Lesart wäre Big Cherry Frucht einer Heldentat des Lokalheros Pym, der ein von Indianern geraubtes Kind mutig den Barbaren entriss und rettete. Tatsächlich aber gab es nur ein unprovoziertes Gemetzel an indigenen Frauen, Kindern und Alten. Das Öl aus fremdem Grund machte Big Cherry reich, der Ortsslang für Cherokees („Cherry Niggers“) gab ihm ohne Kirschbäume seinen Namen: ein Blutbad als Taufpate.

Nun ist solche Geschichtsfälschung alt, älter sogar als Bart und Lisa Simpson, die ihren Gründer Jebediah Springfield ähnlich entzaubern, wobei Bart alles herausposaunt, Lisa sie gnädig unterdrückt. „The Minutes“ nun zeigt Aufklärung und Revisionismus im Kampfe. Letts verneint zwar, auf Donald Trump anzuspielen, aber auch die Pulitzer-Jury von 2018 lobte Letts’ „ätzende Artikulation einer uramerikanischen Toxizität, die sich so historisch wie heutig anfühlt“. Dass Geschichtsfälscherei seit 150 Jahren nicht mehr so in Blüte standen wie bei Trump, dem „Lord of the Lies“, ist unleugbar.

Wenn die Ratsmitglieder in Wiesbaden (ergänzend: Evelyn M. Faber, Christoph Kohlbacher, Tobias Lutze, Martin Plass, Sophie Pompe) die angebliche Heldentat durchspielen, tritt das Stadtratsszenario erstmals aus seinen Fugen. Schön auch der Kontrast, wie sich die Figuren beim ersten Fahneneid lümmeln wie Schulkinder, für die alles ein Geräusch bleibt, während der finale Eidschwur zu Trommelei und Getanze im Halbdunkel sie aus dem Kostümkodex der blauen Blazer (Hannah König) löst und sie als halbnackte „Verwilderte“ an Goldings „Herr der Fliegen“ gemahnen. Vom Lord of the Flies zum Lord of the Lies: ein amerikanischer Flitzebogen, der seinen Pfeil ins Ziel trägt, oder mit Marx: Geschichte wiederholt die Tragödie als Farce.

Staatstheater Wiesbaden: 12., 26. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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