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Cathy singt, ernüchtert.

Staatstheater Darmstadt

„The last five years“: Sie singt, er singt

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Zwei-Personen-Musical „The last five years“, einfallsreich auf die Bühne gebracht im Staatstheater Darmstadt.

Eine Beziehungsgeschichte in Musical-Form, bei der das Paar fast immer getrennt singt und, bis auf eine Hochzeitsszene, aneinander vorbeilebt? Das geht gar nicht, möchte man meinen. Aber 2001 wurde in Chicago „The last five years“ von Jason Robert Brown uraufgeführt, ein etwas anderes Musical. Denn von Anfang an ist klar, dass Schauspielerin Cathy und Schriftsteller Jamie – sie muss tingeln, er schreibt mit 23 schon einen Bestseller – von der Verliebtheit bis zur Trennung nur fünf Jahre brauchen: „Ich steh weinend da“, singt Cathy als allererstes, denn bei ihr hat Brown die Zeitlinie umgedreht, hat Jamie gerade seine Sachen gepackt und ist ausgezogen. Während er, „Meine Göttin“, nach einer ersten gemeinsamen Nacht durchglüht ist von Liebe.

Wahrscheinlich auch wegen seines gleich zu Beginn glasklaren Unhappy Ends ist „The last five years“ nicht der neue Bühnenhit geworden. Aber das Darmstädter Staatstheater hat das Musical nun als ideales Corona-Pandemie-Stück entdeckt: Bloß zwei Darsteller, dazu in der Regie Till Kleine-Möllers Bodydoubles, die außerdem eine Kamera bedienen. Dazu per Videoeinspielung vorher gefertigte Außenaufnahmen, etwa das gerade mal kurz glückliche Paar (die Zeitlinien kreuzen sich in der Mitte des Abends) im Ruderboot auf einem See. Mit Schwänen! Das Bühnenbild von María Reyes Pérez ist auf der Basis eines hübschen Lofts dreh- und wandelbar, die Videos tragen einiges zum Eindruck der Fülle bei.

Expressive Stimmen

Brown verzichtet komplett auf musicaltypische Dialoge, tatsächlich wechseln sich Cathy und Jamie, Maxine Kazis und Thomas Hohler, mit ihren Gesangsnummern einfach ab. Unter diesen ist kein Ohrwurm, auch hält sich die musikalische Originalität sehr in Grenzen (das ist nicht die Schuld des fabelhaften kleinen Orchesters um Michael Nündel), doch die von Wolfgang Adenberg ins Deutsche übertragenen Texte haben nicht nur geschmeidige Reime, sondern auch Ecken und Kanten. Und Kazis und Hohler singen mit schöner Expressivität, agieren zudem eindrücklich, nuanciert – man sieht sie ja im Video oft in Großaufnahme.

Der 90-minütige Abend könnte ärmlich wirken, es passiert ja kaum etwas; aber das tut er nicht. Das Bühnenmaschinchen rattert fleißig und erfreut mit feinen Details, die Darsteller haben Raum, wirken aber nicht verloren. Und das großzügig verteilte Publikum bemüht sich, für dreimal so viele Leute zu klatschen.

Staatstheater Darmstadt: 2., 10., 11., 23. Okt. www.staatstheater-darmstadt.de

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