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„The Last Five Years“ in Darmstadt: Jedem Anfang wohnt ein Ende inne

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Von: Bernhard Uske

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Unten die Dreharbeiten, oben der Split Screen. Foto: Nils Heck
Unten die Dreharbeiten, oben der Split Screen. Foto: Nils Heck © Nils Heck

Das ungewöhnliche Musical „The Last Five Years“ am Staatstheater Darmstadt.

Kamerafrauen und -männer in typischen Berufsposen, die das Bühnengeschehen abfilmen gehören mittlerweile zum Guten Ton musiktheatraler Präsenz: dieses Werk befindet sich im Gleichklang mit medialer Aktualität.

Im Großen Haus des Staatstheaters hatte jetzt das Musical „The Last Five Years“ des ebenso bekannten wie am Broadway nicht wirklich erfolgreichen Musicalkomponisten und -librettisten Jason Robert Brown Premiere. 21 Jahre nach seiner US-amerikanischen Uraufführung und 18 Jahre nach seiner Erstaufführung in deutscher Sprache. Vor zwei Jahren gab es die Darmstädter Erstaufführung, der jetzt Till Kleine-Möller eine Neufassung verpasste.

In dem gut 80-minütigen Werk geht es um ein junges Liebespaar (erfolgreicher Schriftsteller, erfolglos sich bewerbende Sängerin). Ein Kammermusical für kleines Instrumental-Ensemble, dass Brown, einem Könner seines Fachs, in Deutschland offensichtlich mehr Erfolg bringt als in seiner Heimat: „Die letzten fünf Jahre“ wird hierzulande gerne aufgeführt. Browns Musik ist auf der Basis von Funk, Rock und Jazz synkretistisch – nutzt minimalistische Attitüden ebenso wie Liedromantik in einem transparenten, stark profilierten Klangbild.

Interessant ist die Formanlage des Ganzen. In den Songs von Cathy wird Beginn, Hochzeit und Scheitern der Beziehung umgekehrt chronologisch vom Ende her und in denen Jamies chronologisch korrekt vom Anfang her vokal vermittelt. Wie im Reißverschlussverfahren geht es aufeinander zu, trifft sich in der Mitte bei der Hochzeit und entwickelt sich dann wieder gegenläufig. Dabei reiht sich ein Song an den anderen: eine womöglich zu große Innovation für das Mainstream-Musical-Business. Ein reizvoller Mechanismus jedenfalls, der das gesamte Geschehen in der Schwebe oder wie eingeklammert erscheinen lässt. Bewegung auf dünnem Eis: jedem Anfang wohnt sein Ende inne.

Verfilmt wurde das Stück 2014 von Richard Lagravenese mit den beiden großartigen Darstellern und Gesangsstars Anna Kendrick und Jeremy Jordan. Vielleicht war das in Darmstadt ein Auslöser für die Inszenierung, denn das Ergebnis des dortigen Filmens in den Bühnensets wie in einer Studio-Halle erscheint oberhalb des Guckkastens in Duo-Split als filmische Parallelaktion. In der Zweiteilung der Projektion sollen wohl die beiden Songlinien, aber auch mimische Spannungen und Bezugnahmen, wie sie wie im Film natürlich gegeben sind, sichtbar werden. Aber sowohl Beatrice Reece als auch Enrico De Pieri haben nicht das Potenzial zu filmischer Präsenz, wobei Pieri besser über die Leinwand kommt als sein weibliches Pendant.

Stimmlich nehmen sich die beiden nichts: die Tendenz zum schnellen auf Röhre Umschalten, die der Film und auch das Musical eigentlich gar nicht kennt, lässt Zwischenwerte kaum zu. Dennoch, der Gesang ist auf seine Weise tadellos, die an die Stirnen geklebten Q-Tips (Mikrofonverstärkung) mit der obligaten Verkabelung an Hals und Nacken ändern nichts daran, dass man kaum etwas versteht. Das Publikum zahlt seinen Eintritt letztlich für die Anwesenheit bei einem Dreh im Studio, wo Sichtbehinderung und Aufmerksamkeitsverlust für die Zaungäste herrscht.

Der Tanker Oper will eben unbedingt in der Medienwelt von heute mitschwimmen. Aber da ist die „echte“ Filmwirklichkeit diesen Pseudofilm-Opernstudio-Mutanten um Meilen voraus, wie gerade Lagraveneses Film bestens zeigt. Die einzige Theaterwirklichkeit ist die im Orchestergraben, wo Jan Croonenbroek und seine Instrumentalisten und Instrumentalistinnen trefflich agieren: durchaus homogen,weniger aufgewühlt oder groovend, nicht zu grell oder steril – eine akustische Welt ohne mediale Q-Tips.

Staatstheater Darmstadt: 18. November, 12., 21. Januar. www.staatstheater-darmstadt.de

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