1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Tatjana Gürbaca inszeniert an der Oper Frankfurt: „Regie ist eine unsichtbare Kunstform“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

„Eine Produktion entsteht nicht auf dem Reißbrett, sondern immer mit den Menschen zusammen“, sagt Tatjana Gürbaca, hier auf der Bühne der Oper Frankfurt.
„Eine Produktion entsteht nicht auf dem Reißbrett, sondern immer mit den Menschen zusammen“, sagt Tatjana Gürbaca, hier auf der Bühne der Oper Frankfurt. Peter Jülich © Peter Jülich

Tatjana Gürbaca über ihren kurzen Weg zur Oper und ihren langen Weg zum Beruf, über Diversität im Theater, Kompromissbereitschaft bei der Arbeit und Luigi Dallapiccolas „Ulisse“, der am Sonntag an der Oper Frankfurt Premiere hat.

Frau Gürbaca, Sie haben das Theater als Ort der Kontemplation und Versammlung bezeichnet. Was hat Corona daraus gemacht?

Für mich persönlich haben die Lockdowns die Dringlichkeit von Theater noch erhöht. Es gab ja viele Versuche, das Theater mit neuen Medien und in Streamingformaten weiterleben zu lassen. Das hat in meinem Kopf aber eher geklärt und geschärft, dass das gemeinsame Erleben mit echten Menschen in einem Raum nicht zu ersetzen ist.

Wie sind Sie selbst in diesen Monaten über die Runden gekommen?

Ich habe gesehen, wie schlecht es vielen Kollegen geht, aber ich persönlich hatte einfach großes Glück. Ich bin da, wo es wirklich ganz ausfallen musste, ausbezahlt worden, und vieles hat dann verspätet doch geklappt. Oder ist von anderen Häusern übernommen worden. Eine Folge ist, dass ich in dieser und der nächsten Spielzeit mehr Produktionen mache als je zuvor. In dieser das doppelte Pensum.

Das bedeutet?

Acht.

Donnerwetter.

Das geht nur, weil ich teilweise sehr, sehr gute Assistenten habe, die für mich einiges vorbereiten können. Und Produktionen, die übernommen werden, sind natürlich schon sehr gut vorbereitet.

Die „Così fan tutte“ aus Prag zum Beispiel, die dort unter schwierigen Bedingungen im Winter herauskam und die Mitte Juli mit dem Nationaltheater Mannheim in Schwetzingen Premiere hat.

Genau, und mit neuen Sängern muss man auch das neu erarbeiten, etwas finden, das zu ihnen passt und so weiter. Das entsteht nicht auf dem Reißbrett, sondern immer mit den Menschen zusammen.

Ihr Bayreuth-Engagement für einen „Ring“ ist spät geplatzt, offenbar wegen Irritationen über die Probendauer. Ist das jetzt, nachdem der „Ring“ sich eh um zwei Jahre verzögert hat, besonders schade, weil vermutlich ja jetzt deutlich mehr Zeit zum Proben gewesen wäre?

Das weiß ich nicht.

Aber ist Bayreuth nicht ein Fall für eine Wiedervorlage?

Ich kann sagen, dass ich immer Lust auf Werke von Richard Wagner habe. Er ist ein großartiger Komponist und seine Opern sind bis heute von einer absolut brennenden Relevanz, der „Ring“ ganz besonders.

Sie haben in Wien schon einen „Ring“ gemacht, sind Wiederholungen für Sie eher nützlich oder hinderlich?

Die Wiederholung reizt mich unbedingt, ich habe das schon einige Male erlebt. Gerade wenn es schon ein paar Jahre zurückliegt, ist die Fantasie wieder eine andere, man selbst hat sich verändert, die Zeiten haben sich verändert. Zugleich ist es gut, wenn man schon einen reichen Fundus an Wissen über ein Stück hat. Wissen, das sich in einem ablagert.

Beim Wiener „Ring“ haben Sie die Akte neu und verkürzt zusammengesetzt. Aus vier wurden drei Abende. Es scheint gut funktioniert zu haben. An die Grundstruktur eines Werkes zu gehen, ist im Musiktheaterbetrieb aber ein Tabu. Empfinden Sie das so?

Es ist nicht explizit so, dass ich diese Art von Bruch suche. Aber am Ende zählt der gute Theaterabend. Den kann man auf vielen Wegen erreichen, glaube ich. Darum soll und muss auch alles möglich sein im Theater. In der „Ring“-Fassung haben wir nicht beliebig gekürzt, gerade die Monologe, das beharrliche Zurück- und Vorwärtsblicken, der Krebsgang sind das, was Wagner ausmacht. Was wir getan haben, war vor allem ein Umstellen von Akten. Es ging uns darum, die Geschichte immer wieder vom Mord aus zu erzählen.

Sie spielen im Team, oder?

Unbedingt, immer und immer von Anfang an. Ich habe ein paar Teams um mich herum, mit denen ich schon lange zusammenarbeite, hier in Frankfurt sind das zum Beispiel Klaus Grünberg und Silke Willrett. Das gehört zur Kraft des Theaters: dass man nur, wenn man die Köpfe zusammensteckt und sich miteinander austauscht, immer besser werden kann. Auch auf die lange Strecke, über Jahrzehnte muss man inzwischen schon sagen.

In Bayreuth zum Beispiel wären Sie die erste „Ring“-Regisseurin nach Cosima Wagner gewesen. Warum ist das immer noch ein Thema, Frauen in der Musiktheaterregie?

Das frage ich mich auch. Ich weiß es wirklich nicht. Es muss an den Elternhäusern liegen, an Erziehung, es gibt jedenfalls überhaupt keinen Grund, warum man als Frau diesen Beruf nicht genauso gut und gerne machen sollte wie als Mann. Vielleicht an manchen Stellen anders, vielleicht nicht mal das, jedenfalls nicht, weil man eine Frau ist. Ich kann nur sagen, dass Theater in jeder Hinsicht aufregender wird, wenn es Diversität zulässt. Nicht nur in der Genderfrage.

Werden derzeit gerade Regisseurinnen und Dirigentinnen womöglich sogar gesucht? Merken Sie etwas davon?

Ich bin gut gebucht, aber ich kann nicht sagen, woran das liegt. Was die Menschen auf der Bühne betrifft, war Oper glücklicherweise immer relativ divers, weil uns die Musik verbindet.

Teils, teils, oder? Asiatische Sängerinnen und Sänger sind oft zu erleben, Schwarze seltener.

In London habe ich das schon ganz anders erlebt, ich kann nur hoffen, dass es auch hier selbstverständlicher wird. Das Multikulturelle und Diverse entwickelt auf der Bühne eine enorme Kraft und Energie, darauf darf das Theater nicht verzichten.

Es mag Ihnen spekulativ erscheinen: Bei Ihnen habe ich den Eindruck, dass Sie Ihre eigene Identität nicht nach vorne schieben, sondern sie aus dem Geschehen heraushalten.

Ich weiß, wo ich herkomme, das ist wichtig für mich und wirkt sich sicher auch auf die Art aus, wie ich Stücke lese und erzähle. Tatsächlich bin ich aber der Meinung, dass der Regisseur so weit wie möglich hinter der Inszenierung, der Produktion verschwinden sollte. Wichtig ist das, was auf der Bühne steht, wichtig sind die Menschen, die das dort stattfinden lassen. Regie ist eine unsichtbare Kunstform, und das ist gut so, das macht Spaß.

Also: Wo kommen Sie her, wie sind Sie Opernregisseurin geworden?

Das war ein weiter Weg. Und es fing in der Familie an…

Ah, eine Musikerfamilie?

Zur Person:

Tatjana Gürbaca, 1973 in Berlin geboren, hat dort an der Hochschule für Musik Hanns Eisler studiert und arbeitet seither an Opernhäusern, zunächst als Regieassistentin, dann als Regisseurin. Von 2011 bis 2014 war sie Operndirektorin in Mainz. In Frankfurt inszeniert sie zum ersten Mal.

„Ulisse“ von Luigi Dallapiccola (1904-1975), 1968 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt, ist jetzt im Opernhaus als Frankfurter Erstaufführung zu erleben. Francesco Lanzillotta dirigiert, die Titelpartie übernimmt Iain MacNeil. Premiere ist am Sonntag, weitere Vorstellungen sind für den 1., 7., 10., 15., 18., 21. Juli angekündigt. www.oper-frankfurt.de

Nicht professionell, aber meine beide Eltern waren schon immer musikinteressiert und theaterbegeistert. Ich bilde mir ein, mich daran zu erinnern, wie meine Mutter, eine Puccinisüchtige, mit mir im Bauch Opern gehört hat. Mein Vater kam eher aus der Brecht-Schauspiel-Ecke, und da er aus der Türkei ist, hatte er dort türkischen klassischen Gesang studiert, so dass auch türkische Musik bei uns sehr wichtig war. Meine Mutter war auch eine große Geschichtenerzählerin, als ich ganz klein war, setzte sie sich nach dem Theater an mein Bett, noch mit ihren schicken Anziehsachen, und erzählte mir von den Inszenierungen, die sie gesehen hatte.

Sie sind in Berlin aufgewachsen?

Die Deutsche Oper und das Schillertheater waren unsere Haustheater. Und ich hatte einen Kindergartenfreund, der lustigerweise ebenfalls Opernregisseur geworden ist, Hinrich Horstkotte, und dessen Familie war auch sehr aktiv. Wir sind schon als Kinder mit in der Oper und im Theater gewesen, durften nach den Vorstellungen hinter die Bühne. Als Kind dachte ich: Das ist das, was Kinder tun. Dann habe ich angefangen zu tanzen, eine intensive Ballettausbildung.

Mit Blick auf einen Beruf?

Ein ernster Berufswunsch. Ich musste aber früh feststellen, dass das nicht ging, ich bin zu groß und in Wahrheit nicht flexibel genug. Es wurde eine Leidenszeit. Ganz oder gar nicht, habe ich mir gesagt, als Hobby wollte ich es nicht weitermachen. Ich habe dann Instrumente gelernt, Klavier, Cello, auf dem musischen Gymnasium kam der Kontrabass dazu. Damit konnte ich richtig viel machen, in Orchestern, aber auch in Jazzbands, in einer Klezmerkapelle, in einer Tangokapelle. Wir haben Musik gemacht wie verrückt. Und tatsächlich hatte ich einen Musiklehrer, der immer sagte: Die Tatjana, die wird mal Opernregisseurin. Und er brachte mich als Fünfzehnjährige in der Statisterie der Deutschen Oper unter.

Genial, oder?

Absolut. Dabei wusste ich immer noch nicht wirklich, was Opernregie ist. Studiert habe ich zunächst Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Aber das war mir irgendwie zu wenig. Dann hörte ich von dem Opernregiestudiengang, bewarb mich und wurde in Berlin sofort genommen. Das war kurz nach der Wende, ich war eine der ersten Weststudentinnen im Osten. Super. Ich stellte fest, dass es zwei deutsche Sprachen gibt, es gab Fächer, da saß ich und dachte: Ich verstehe zwar jedes Wort, aber ich verstehe kein Wort.

Wegen des politischen Vokabulars?

Und wegen des philosophischen. Hegel und Adorno spielten eine Rolle, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Eine tolle, wichtige Zeit, zumal ich über die Hochschule Ruth Berghaus und Peter Konwitschny kennenlernte, für mich die unbestrittenen Meister. Und dann hatte ich noch einmal richtig Glück. Eine ehemalige Kommilitonin, Jenny Erpenbeck, hat mir ihre Assistentenstelle in Graz vererbt. Gerhard Brunner war der Intendant, der für mich bis heute ein ganz wichtiger Wegbegleiter ist. In Graz inszenierten damals Konwitschny, Martin Kusej, Christof Loy. Wir Assistenten wurden gefordert und gefördert.

Sie selbst haben mit 28 eine „Turandot“ inszeniert.

Ich kann mich nur wundern, dass Gerhard Brunner mir das zugetraut hat. Eine Irrsinnschance. Es ist kostbar, wenn es Intendanten gibt, die junge Leute so fördern. Denn woher soll es sonst kommen?

Was braucht eine Regisseurin, ein Regisseur?

Man muss Lust daran haben, die Stücke aus dem Hier und Heute heraus zu lesen und zu erzählen. Es muss einen Grund geben, weshalb man ein Stück erzählen möchte. Alle denken immer, man brauche ganz viel Fantasie. Aber in Wahrheit, finde ich, hat jeder Fantasie. Es geht darum, die Fantasie zu kanalisieren. Man muss wissen, was man erzählen will und was nicht. Ansonsten braucht man wie in jedem Job Liebe zu dem, was man tut. Liebe zur Musik, Liebe zu den Stoffen, Liebe für die Menschen, die da stehen. Und Geduld.

Braucht es Kompromissbereitschaft? Weil so viele Menschen mitwurschteln? Und man sich nicht alle aussuchen kann?

Mein Mann sagt, ich sei ganz schön stur. Aber ich muss sagen, dass ich über Kompromissbereitschaft nicht viel nachdenke. Vielleicht gehört es dazu. Aber ich würde vor allem sagen, man muss sehr genau wissen, was man will, und man muss begeistern können. Wobei jede Produktion anders ist, man kann vorher nicht sagen, in welche Zusammenhänge man kommt.

Aber Sie wissen vermutlich gerne, wer singt.

Es ist angenehm, wenn man Sänger kennt, und beflügelnd, wenn man schon gut mit ihnen zusammengearbeitet hat. Aber hier in Frankfurt kannte ich zum Beispiel niemanden vorher, aber es ist ein großartiger Cast und macht wahnsinnigen Spaß.

Ist die Odyssee eigentlich eine Männergeschichte? Krieg, einsame Irrfahrt voller Fährnisse und Versuchungen, Rückeroberung des Heims und der Gattin?

Es ist eine Menschengeschichte, würde ich sagen. Dallapiccola ist ein sehr politisch denkender Komponist, Sartre und Camus sind ihm nahe. Und sein Ulisse ist geradezu im Wortsinn der Fremde. Der in die Welt geworfene Mensch, der schließlich abgeschält von seinem Besitz und einsam auf einem Floß im Meer treibt. Dallapiccola erzählt, wie er seine Identität behaupten muss, wie er versucht, sich von Niemandem in Jemanden zu verwandeln. Der Komponist hat sich als Künstler selbst eingeschrieben in dieses Werk, auch mit musikalischen Selbstzitaten. Und man spürt, wie er um diese Oper ringt ...

... acht Jahre hat er daran gearbeitet.

Auch für Odysseus ist es ein langer Weg, an dessen Ende die gelingende Tat steht. Er wird am Hof von Ithaka wieder zu einem Jemand.

Steht bei Ihnen am Anfang der Wunsch, eine bestimmte Oper zu machen? Oder kam in diesem Fall der Intendant Bernd Loebe und schlug etwas vor?

Herr Loebe kam. Wir waren schon länger im Austausch. Als er den „Ulisse“ vorschlug, war ich sofort begeistert, weil ich vor 20 Jahren schon einmal Dallapiccola machen durfte, „Il prigioniero“ in Wien, und schon damals für diese Musik gebrannt habe. Dazu noch die Odyssee, dieser bildgewaltige Stoff, den Dallapiccola noch dazu so philosophisch behandelt. Eine dankbare Aufgabe. Und ein großes Chorstück. Ich liebe es, mit Chor zu arbeiten.

Die Chöre sind auch besser und beweglicher als früher, oder?

Es gibt solche und solche. Der Chor in Frankfurt: ich liebe ihn, das sind große Schätze, spielfreudig und lustvoll, etwas ganz Besonderes.

Macht es gerade das Bildgewaltige der Odyssee schwierig, eine Linie zu finden?

Es fiel mir in diesem Fall überraschend leicht. Vielleicht liegt es daran, dass mir die Botschaft so einleuchtet. Dazu kommt eine große Nähe zu Wagner. Es ist auch ein Stück übers Geschichtenerzählen. Im Übrigen lese ich in diesem Fall auch immer wieder Homer. Ich bin berauscht davon. Es ist frappierend, wie gegenwärtig dieser Text ist. Odysseus geht in den Hades, um Teiresias zu befragen. Der Hades ist überfüllt mit den toten Helden von Troja. Sie sprechen Odysseus an, wollen wissen, wie es ihren Familien geht. Die aktuellen Kriege sind beim Lesen so präsent, als wäre es heute geschrieben.

Eine Geschichte über die Zeit nach dem Krieg.

Absolut, über das Verlorensein und die mühsame Heimkehr.

Was erwartet das Publikum musikalisch?

Es ist eine Musik, die von der Zwölftonmusik ausgeht, aber in einer eigenen Ausprägung. Es gibt einen Klangstrom, der einen nicht loslässt. Auch ganz praktisch nicht. Bei der Arbeit zu Hause nehme ich mir gerne eine bestimmte kleine Passage am Tag vor. Aber wenn ich dann die Aufnahme auflege, stelle ich fest, dass ich beim Hören nicht dazwischenkomme, ich finde keine Stelle, an der ich unterbrechen und abschalten könnte. Und man merkt, dass Dallapiccola Italiener ist und eine Lust hat am Melodischen. Es sind zwar keine Melodien, die man auf der Straße nachpfeifen wird, aber ich träume sie inzwischen nachts.

Interview: Judith von Sternburg

Auch interessant

Kommentare