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Der Heuchler und der feine Herr: Michael Quast (l.) mit Rainer Ewerrien.

Hessischer Molière

„Tartüff“ bei „Barock am Main“: Der Deibel als Durchwurschtler

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Verdammt lustig, verdammt böse: Michael Quast und seine Truppe zeigen Molières „Tartuffe“ in hessischer Fassung in Frankfurt-Höchst.

Das Festival „Barock am Main“ trotzt den Gegebenheiten und behält seinen Namen auch im dritten flussfernen Jahr. Vor der Höchster Porzellanmanufaktur ist es schön, schöner wäre es nur vor dem Bolongaropalast, dessen Sanierung, so Festivalleiter Michael Quast, derzeit in noch einmal drei Jahren abgeschlossen sein solle.

Damit niemand fremdeln muss, gibt es einmal wieder den „Tartüff“. Das ist eine perfekte Rolle für Quast, für den allerdings sämtliche Molière-Rollen perfekt sind, und ein perfektes Stück für sein Ensemble, für das allerdings sämtliche Molière-Stücke perfekt sind. Es ist ja interessant, sich einmal im Jahr anzuschauen, wie unmittelbar lustig und trotzdem klug Theaterkomödien sein können (und wie schwer es manchem Stadttheater fällt, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, wirklich zum Lachen). Und wie handwerklich hervorragend die kleine Truppe längst aufeinander eingestellt ist, vermutlich schon immer, nur wir Zuschauer sind dann irgendwann dazugekommen. Und wie stark diese Geschichte nach 350 Jahren ist und wie mühelos sie die Tage der konfessionellen Bigotterie überstanden hat. Jeder erkennt ihn doch wieder, den Tartüff, den Schleimer und das Ekel, den Nichtskönner und den Manipulierer. Man könnte jetzt äußerst schlechter Laune werden, wenn man nicht so lachen müsste.

Quast ist also „Tartüff oder De Deibel in Gestalt“ in der hessischen Fassung von Wolfgang Deichsel, und die Neuinszenierung von Sarah Groß geht in der Düsternis der Dummheit und der fundamentalen Boshaftigkeit des Heuchlers womöglich noch etwas weiter als bisher. Züngelnd (buchstäblich, Quasts Zunge ist dafür anatomisch offenbar geeignet) und geifernd, schlangenlinienförmig und als aufrechter Lügner improvisiert sich dieser Lump durch das Geschehen. Man sieht selten so trefflich, dass Tartüff ein großer Improvisierer ist, mit gutem Ohr und Auge für seine Umgebung. Er ist zwar die Ursache für all das Elend, aber er ist hier nicht im engeren Sinne der Drahtzieher. Er schaut, was geht. Es geht einiges.

Dumm, aber schützenswert

Der Herr des Hauses, Orgon, ist ihm ganz verfallen, und Rainer Ewerrien zeigt voller Inbrunst einen Mann, der vernunftbegabt ist und doch völlig den Verstand verloren hat: wuschig im Kopf, wuschig auf dem Kopf. Anna-Sophia Blerschs opulente Kostüme und Katja Reichs dicke Schminke übertünchen nichts, sondern arbeiten es heraus: Dass Orgons Frau Elmire, Katerina Zemankova, und ihr Bruder, der wieder hinreißend krumm und staunend an der Dummheit der Welt leidende Philipp Hunscha, an sich freundliche, gescheite Leute sind. Dass die Jugend von damals, Orgons Kinder, Pirkko Cremer und Dominic Betz, sowie Marieschens Auserwählter, Gabriel Spagna, vor Liebe oder allgemeiner Leidenschaftlichkeit verblödet, aber doch schützenswert sind.

Es gibt keinen Grund zur Sorge. Das resche Hausmädchen, Ulrike Kinbach, wird helfen, überhaupt zeigen die Frauen ihre Effizienz. Vor allem kann Alexander J. Beck am Ende alles in Ordnung bringen. Allein seine Perücke wäre den Besuch schon wert.

„Barock am Main“im Hof der Höchster Porzellanmanufaktur: bis 4. August. www.barock-am-main.de

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