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Leichtfüßig, aber nicht leichtgewichtig: „In C“ von Sasha Waltz. Jo Glinka
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Leichtfüßig, aber nicht leichtgewichtig: „In C“ von Sasha Waltz. Jo Glinka

Tanz im Netz

Und über allem wacht das Geisterlicht

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Prächtige Tanzstücke aller Art und Stile sind im Netz und vor allem bei Arte Concert zu finden.

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz hat gerade ein veritables Frühlingsstück zur Uraufführung gebracht, eine bunte, leichtfüßige, aber nicht leichtgewichtige Freude: „In C“ ist inspiriert und begleitet von Terry Rileys 1964 entstandener, gleichnamiger Komposition und folgt seiner Form. Denn die Partitur umfasst nicht mehr als zwei große Blätter (Waltz zeigt es im Video), die darauf notierten 53 Motive können von den Musikerinnen und Musikern nach Belieben wiederholt werden. Entsprechend hat Waltz 53 Bewegungssequenzen geschaffen, die wiederum die Tänzerinnen und Tänzer ihres Ensembles wiederholen und neu fügen - damit ist jede Live-Aufführung musikalisch und tänzerisch anders, ein Unikat.

Die Premierenversion, die man nun im Netz findet, wurde am vergangenen Wochenende im Radialsystem aufgenommen. In einer perfekten Mischung aus Nah- und Totale-Aufnahmen, sogar in die Vogelperspektive wird immer mal geschaltet.

So wie auch die Musik (eingespielt 2001 von „Bang on a Can“, New York), sind die Bewegungen mal verhalten, leise, klein - es beginnt mit einem Schulterzucken und Kopfwenden - mal kreiseln sie die Akteure in den Raum, hüpfen, holen tief Atem, rollen sich auf dem Boden zusammen. Und ab und zu ein Lächeln.

„In C“ ist detailliert wie auch entspannt, voll heller Energie, ist pure, gleichberechtigte Bewegung im Raum, die an Merce Cunningham und Anne Teresa De Keersmaeker denken lässt. Jasmin Lepore hat das Ensemble in farbige lockere Kleidung gesteckt, hinter den Akteuren pulsiert das Licht von Olaf Danilsen mal glutrot oder wird zur blauen Dämmerung, frischgrünen Wiese. Etwas vor den Tänzerinnen und Tänzern endet die Musik, man hört sie in den letzten von rund 60 Minuten kräftig auftreten, atmen, auch das ist schön und rührend.

Im Web-Kanal „Concert“ bietet der Sender Arte derzeit nicht nur „In C“, sondern eine fabelhafte Diversität an Tanzstücken.

Darunter ist John Neumeiers ausdrückliches Corona-Pandemie-Stück „Ghost Light“ , das im September vergangenen Jahres Uraufführung hatte. Die Vereinzelung, die Sehnsucht und Verwirrung ob einer Zurückweisung sind darin Thema, man tanzt aneinander vorbei oder bleibt in einem bestimmten Bühnenbereich, wirft dem Kollegen, der Kollegin Blicke zu, streckt auch mal die Hand aus – und zieht sie, ein bisschen traurig, wieder zurück. Paare, die einen Pas de deux haben, müssen fein zusammenbleiben.

Hiertanzen sie:

„In C“ von Sasha Waltz & Guests: bis 5. April auf Arte Concert. In deutlich besserer Filmqualität allerdings auf Youtube zu finden.

„Ghost Light“ von John Neumeier: bis 23. April bei Arte Concert.

„Winterreise“ von Christian Spuck: bis 14. Mai auf Arte Concert.

„Impulse“ von Craig Davidson, Bryan Arias, Juliano Nunes: bis Ende April via opernhaus.ch.

„Nomad“ von Sidi Larbi Cherkaoui: bis 15. Oktober 2022 auf Arte Concert.

Ein „Ghost Light“, so erklärt Hamburgs Ballettchef zum Titel, ist eine US-amerikanische Theatertradition: Eine einzelne Glühbirne leuchtet über der Bühne, wenn alle Künstlerinnen und Künstler nach Hause gegangen sind. Im Stück steht sie in der Bühnenmitte auf einem Fuß, ist ein Trost-Licht, während John Neumeier in stetigem Wechsel und Fluss „Geister“ aus seinen Balletten beschwört zu Klaviermusik von Franz Schubert.

Hans Zenders Fassung der „Winterreise“ hat Christian Spuck für einen großen, so souveränen wie anrührenden Abend gewählt, der 2019 mit dem Prix Benois ausgezeichnet wurde. Spuck hat ihn für sein Ballett Zürich choreografiert, in der Aufzeichnung singt der Tenor Mauro Peter. Streng - die Bühne von Rufus Didwiszus ist ein grauer Kasten, immer mal öffnet sich im Boden ein Grabes-Loch – wie auch fein ziseliert in der Bewegungssprache und in jedem Detail durchdacht ist diese „Winterreise“. Ob die Tänzerinnen Spitzenschuhe oder grobe Stiefel, Hellgrau oder Goldfarben tragen, ist keine Petitesse (Kostüme: Emma Ryott). Mit jedem der 24 Schubert-Lieder ändert sich zart die Stimmung. Spuck verzichtet darauf, einen Tänzer zum Reisenden zu machen; insbesondere seine Ensembles sind von einer Kraft, die die Macht der Reihe und des Unisono zu nutzen weiß.

Über die Seite des Zürcher Opernhauses ist zudem der neue dreiteilige Abend „Impulse“ des Junior Balletts abzurufen, mit Choreografien der jungen Craig Davidson, Bryan Arias (er erhielt 2020 den „Faust“-Preis für seine Arbeit fürs Hessische Staatsballett) und Juliano Nunes. Polierter, hingebungsvoll getanzter Neoklassik in „Entropy“ von Davidson folgt ein stiller Spaß, ein munteres sechsköpfiges Arias-Völkchen in „Pure Coincidence“. Dem folgt wie hingetupft und in fließender Eleganz das wieder neoklassische „Union in Poetry“, Tänzerinnen wie Tänzer tragen zartgelbe, durchsichtige Röckchen. Drei halbstündige Stücke wie runde Pralinen.

Denen man durchaus gut, wieder zu Arte Concert wechselnd, das dunkle, erdige „Nomad“ von dem belgischen, längst international begehrten Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui und seiner Company Eastman folgen lassen kann.

Projektionen an der Bühnenrückwand wie ein ausgetrockneter Boden, aufgewühltes Meer, Sturm, Gewitter, sogar ein Atompilz in seiner Pracht und Schrecklichkeit setzen die Stimmung. Dazu traditionelle Gesänge, auch live, Sufi-Musik, Elektronisches (Musik: Felix Buxton).

Bodennah, expressiv, aber auch artistisch ist Cherkaouis Bewegungssprache. Diesmal geben in einer Szene drei Tänzer mit Stelzen an allen vier Gliedmaßen Kamele, zwei Tänzerinnen reiten auf ihnen. Hundeartige Wesen, es sollen wohl Schakale sein, attackieren die Kamele. Und werden nach einem pantomimischen Kampf totgetreten.

Kein Cherkaoui-Stück, das nicht auch von Not und Tod erzählt. Gleichzeitig von der Spiritualität des Menschen, von seiner Sehnsucht nach Erlösung und gleichzeitig Erdgebundenheit – gegen Ende tragen Tänzerinnen und Tänzer Lehm auf ihre Körper auf, dann treten zwei blutbeschmierte Tänzer auf, sich umschlingend, in Zeitlupe miteinander ringend. In „Nomad“ sind es trotz einer intensiven Bewegungssprache die Bilder, deren Macht sogar via Bildschirm spürbar ist.

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