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Tanzstück „MÁM“ bei den Maifestspielen in Wiesbaden: Der vom Leben bewegte Mensch

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Von: Sylvia Staude

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Still und gelassen ist immer das Mädchen Ellie dabei. Szene aus „MÁM“. Foto: Ros Kavanagh
Still und gelassen ist immer das Mädchen Ellie dabei. Szene aus „MÁM“. © Ros Kavanagh

Michael Keegan-Dolans so eigentümliches wie faszinierendes Tanzstück „MÁM“ bei den Maifestspielen in Wiesbaden.

Michael Flatley machte einst den irischen Tanz in der Welt bekannt, freilich in einem bombastischen, veritablen Breitwand-Format. Scharen von Stepperinnen und Steppern marschierten auf, Bühnennebel waberte, Fackeln flackerten ominös. Einige Besucherinnen und Besucher des Gastspiels der irischen Gruppe Teac Damsa, die im Rahmen der Maifestspiele nach Wiesbaden kam, mögen Flatleys Show im Kopf gehabt haben, wurden enttäuscht und gingen mittendrin. Der Rest des Publikums im Großen Haus war begeistert von „MÁM“, einem Tanzstück von Michael Keegan-Dolan, der 2016 mit einer Schwanensee-Version bekannt wurde.

„MÁM“ scheint ganz locker gefügt, manchmal zufällig wie eine Musiksession. Doch Motive werden sichtbar, rote Fäden. Ein rothaariges Mädchen, Keegan-Dolans Tochter Ellie, lässt sich gelassen, aber aufmerksam einbinden, wird mal auf einem Tisch herumgetragen, holt sich eine Tüte Chips aus einer Schublade, bekommt eine Limo, trinkt und schaut. Tanzt am Ende ein wenig mit. Es ist, als würden sich alle um dieses Kind kümmern, ganz selbstverständlich.

Das übergreifende Thema von „MÁM“ könnte „Gemeinschaft“ lauten, könnte schlicht der vom Leben und von den anderen bewegte Mensch sein. Denn die Tänzerinnen und Tänzer finden mal zu Duos zusammen, mal stimmt das ganze Ensemble ein in kurzen Bewegungssequenzen, mal gibt es Partnertausch, mal geht man auf Tuchfühlung, mal tritt jemand mit einem Solo hervor. Kein Drama, nirgends. Dafür spielen immer wieder schlichte Holzstühle eine Rolle, wie man sie aus irischen Pubs kennt. Unter anderem bildet die Truppe, sie entsprechend reihend, auf ihnen eine vergnügte Pyramide.

Das Vokabular umfasst dabei Elemente des irischen Volkstanzes, aber nie werden die Arme streng an der Seite gehalten, wie es angeblich unter der Knute der katholischen Kirche notwendig war. Vielmehr folgen besonders die Arme, aber auch der ganze Körper den Linien der Musik, werden von ihrem Rhythmus mitgerissen.

Zunächst gibt der Konzertina-Spieler Cormac Begley mit traditionellen, leichtfüßigen irischen Tanzweisen den Ton vor (am Anfang mit Widderkopf wie ein Fabelwesen). Erst nach einer guten halben Stunde wird der Vorhang hinter ihm aufgezogen, wird eine Band sichtbar, die, mit Begley, die wildesten Mischungen herstellen und Ausflüge ins Jazzige machen wird. Stets passt sich die Bewegungssprache der Stimmung an, in feinen Nuancen.

Fast möchte man mittanzen, auch, weil der Tanz so schlicht und organisch wirkt in jedem Armschwung und jedem neckischen Hüpfen. Eine Einfachheit, die sicher hart erarbeitet ist, wie sich spätestens zeigt, wenn wie durch Zauberhand sich das Ensemble wieder einmal zu einem Unisono formiert.

Von Kollegin zu Kollege, von Musiker zu Musikerin läuft gegen Ende einer der Tänzer, umarmt, küsst, drückt. Verweigert den Körperkontakt bei einem schwarzen Kollegen, auch bei einem der Musiker – Momente der Irritation, die sicher als solche gemeint sind. Zwar wird der schwarze Tänzer kurz darauf von einer Kollegin liebevoll umarmt, aber das Gefühl einer gewissen Spannung bleibt. So zieht „MÁM“ immer wieder unaufdringlich einen doppelten Boden ein, der mehr daraus macht als ein Gute-Laune-Stück.

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