Frankfurt

Tanzmarathon: Wie beim Supermarkteinkauf

  • vonKatja Sturm
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Die Frankfurter Tanzstudierenden präsentieren sich nach allen Regeln der Kunst und des Abstands.

Die jährliche Abschlussvorstellung der Tanzstudierenden an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hat stets etwas Familiäres. Freunde und Verwandte der Auftretenden, ehemalige Absolventen und Dozenten sowie neugierige Bewegungsenthusiasten drängeln sich dabei im engen Theatersaal der Lehrstätte zusammen. So kuschlig ging’s diesmal nicht zu, als am Donnerstag der Corona-bedingt in „DIS_TANZ“ umbenannte Tanzmarathon 2020 seine Premiere feierte. Dafür war er noch mehr als sonst eine Privatangelegenheit, auch wenn die vor gerade mal 20 Zuschauern und einigen Technikern aufgeführten zwölf Stücke zur Hälfte im Internet übertragen wurden.

Neben den üblichen, die Auszubildenden auf hohem Niveau fordernden Reminiszenzen an bekannte Choreografen wie William Forsythe und Kreationen von Ausbildungsdirektor Dieter Heitkamp, von denen eine an das bis 2004 existierende Theater am Turm erinnerte, durften sich die Talente selbst schöpferisch ausprobieren. Zudem gab es, wie bei den meisten Ballettkompanien, Werke zu sehen, die teilweise während der vom Virus aufdiktierten Isolation entstanden sind. Dass seit Anfang Juni wieder ein Hauch von Normalität durch die Hochschule weht und die in Gruppen eingeteilten Tänzerinnen und Tänzer deshalb einander wieder näher kommen dürfen, spiegelte sich in den Live-Elementen wider.

Die ergänzenden oder die Probenarbeit erklärenden Videomitschnitte zeigten noch Solisten, die sich in Wohnräumen an die in der Ferne mitübenden Kollegen anzupassen versuchten. Regina van Berkels „#PaganiniZoomUs“, das, von in blaugrünen Kostümen gekleideten Absolventen des dritten Studienjahres aufgeführt, den Auftakt bildete, entwickelt sich innerhalb eines Papiervierecks. Zur Musik des italienischen Virtuosen imitieren die einzelnen Tänzer einander und stellen doch keine Spiegelbilder dar. Geschmeidigkeiten werden verhalten aufgenommen, Brüche in den Extremitäten verhindern den freien Lauf. Nur jeweils eine begrenzte Zahl an Akteuren darf sich auf der Fläche befinden. Wer hinein will, muss sich mit einem Herauskommenden abstimmen. Die Kunst wirkt vom Supermarkteinkauf inspiriert.

Cyril Baldys „Steps of dance #1“ transportiert den jüngsten Fitnessdrang. Studenten aus dem zweiten Jahr, in Trikots, Sneakers und kurze Hosen gewandet, verrenken gummiartig ihre Körper, um dann wieder geradeaus stillzustehen. Leise Kommandos führen sie wie im Improvisationstheater zu neuen Herausforderungen.

Die insgesamt eher düstere Stimmung wird auch in der zweiten Hälfte des zweimal eine Stunde dauernden Abends weitergehen. Kaya Kolodziejczyks „Nati Liquidi“ mit dem ersten Studienjahr, wieder eine Kombination mit Filmsequenzen, schließt sich dabei nicht aus.

Wie befreiend jedoch Tanzen gerade in der Krise sein kann, das lässt der älteste Jahrgang beim Summerfeeling verbreitenden, finalen „Triumphantly“ von Emanuel Gat spüren.

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