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Die rosarote Welt täuscht: „Freiheit“ am Staatstheater Mainz.

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Neue Choreografie für das Ensemble von tanzmainz: Wie Blumenkinder aus der Hippie-Zeit

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Guy Weizman und Roni Haver mit ihrer Choreografie „Freiheit“.

Die Welt ist rosa. Die Umgebung, die Kleidung, die Accessoires – alles scheinbar schön. Er sei glücklich, behauptet einer der Tänzer. Ein Zustand, der nicht von Dauer sein wird. „Darf ich Englisch weiter reden?“, fragt der Belgier Louis Thuriot kurz danach mit seinem sympathischen Akzent. „Nein“, heißt die knappe Antwort, die keinen Widerspruch zulässt. Schon fällt ein Schatten auf die Stimmung, die doch eben noch so ausgelassen und fröhlich war.

Grenzen aufzuzeigen, darum kümmern sich Hauschoreograf Guy Weizman und seine Partnerin Roni Haver in ihrer neuesten Choreografie für das Ensemble von tanzmainz. Unter dem Titel „Freiheit“ demonstrieren acht Tänzerinnen und Tänzer im Kleinen Haus des Staatstheaters eine knappe Stunde lang, was möglich ist, wenn man die eigenen Wünsche und Emotionen verfolgt, sich gehen lässt oder Wege einschlägt, die auch aus vermeintlich harmonischer Gemeinschaft herausführen. Doch das auf den ersten Blick zwanglose Unterfangen ist einer strengen Struktur untergeordnet. 

Kurz vor Ende jeder der 18 Szenen, die exakt 3:20 Minuten dauern, warnen mechanische Schläge vor dem bevorstehenden Abbruch. Das von Wil Frikken designte Licht geht aus, und wenn es wieder erstrahlt, hat sich das Bild (Bühne: Ascon de Nijs) verändert. Andere Klänge, anfangs von Georg Friedrich Händel, aber meistens die rauen, an Handwerk oder Elektrik erinnernden Collagen von Hugo Morales Murguia, geben den Ton an. Geschwungene Metallgitter senken sich von der Decke herab und beschränken den Freiraum. Sie teilen die Gruppe und sondern Individuen ab.

Staatstheater Mainz: 16., 17., 28., 30. Juni. www.staatstheater-mainz.com

Dann tollen wieder alle wie Blumenkinder aus der Hippie-Zeit herum. „Wir ziehen uns aus!“, ruft einer. Aber nicht alle ziehen mit. Kurzerhand landet man bei einem Thema, das zum Alltag der Performer gehört. Im modernen Tanz wird immer öfter gefordert, dass man sich seiner Kleidung entledigt. „Das widerspricht meiner Religion“, teilt eine aus dem verweigernden Trio mit, während unter grünem Licht im Hintergrund der Rest der Truppe bewegte Skulpturen bildet. Der Mehrwert der Nacktheit wird infrage gestellt und die Befürchtung aufgeworfen, dass der eigene Penis dann kritisch beäugt und der Tänzer später als „der mit dem kleinen aus dem anderen Stück“ identifiziert werden könnte.

An den Kostümen von Maison the Faux sind die Folgen der sich vermehrenden Negativerfahrungen abzulesen, die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, dass die Eigenständigkeit immer wieder Opfer äußerer Einflüsse wird. Dagegen rüsten sich die anfangs in dünnen Fähnchen auftretenden jungen Wilden mit schützenden Helmen und zusätzlichen Schichten. Am Ende stehen sie übertrieben ausgestattet da, mit Imkerhüten, Stoffgebilden oder Hilfsmitteln, an die sie sich mit dicken schwarzen Tapestreifen geklebt haben. Eine symbolische, aber auch deutliche Darstellung dessen, wie sehr Traditionen, Gesetze und Beschränkungen in der Gesellschaft den entfesselten Geist der Jugend bremsen und verhindern können, dass er seine Kreativität entfaltet.

Das Publikum lässt sich davon begeistern. Der Applaus dauert länger, als ihn die sichtlich nicht nur körperlich geforderten Tänzer genießen wollen. Selbst lautes rhythmisches Klatschen kann sie irgendwann nicht mehr dazu bewegen, diese rosarote Welt noch einmal zu betreten.

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