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Tanzmainz mit „Sphynx“: Der Mensch, wie er geht

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Von: Sylvia Staude

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Und auch mal auf allen Vieren, mit Anhang.
Und auch mal auf allen Vieren, mit Anhang. © Andreas Etter

Rafaële Giovanolas Tanzstück „Sphynx“ am Mainzer Staatstheater.

Unter der Leitung Honne Dohrmanns scheint Tanzmainz eine aparte Ecke gesucht und gefunden zu haben, ein Stück weg vom benachbarten Hessischen Staatsballett. Im Kleinen Haus präsentiert man kompakte Ensemble-Stücke, rund eine Stunde lang, deren (zuletzt) Choreografinnen sich der peniblen Erforschung von Bewegung widmen, aber damit auch atmosphärisch und energetisch Starkes zu schaffen wissen.

Jetzt ist es die in den USA geborene Schweizerin Rafaële Giovanola, die mit der Company CocoonDance in Bonn beheimatet ist. „Sphynx“ nennt sie ihre jetzt uraufgeführte Choreografie, sie bezieht sich damit auf das Ödipus von der Sphinx gestellte Rätsel des Wesens mit vier Beinen am Morgen, zweien am Mittag, dreien am Abend. Es geht rund 55 Minuten lang sehr vielschichtig um die Fortbewegung des Menschen. Und nur für einen Moment kann man denken, das sei in etwa wie Monty Pythons „Ministry Of Silly Walks“ – die 14 Tänzerinnen und Tänzer haben zusammen mit der Choreografin viel Intrikateres und Diffizileres entwickelt.

Aber es beginnt mit seltsamen Gangarten. Übertriebenem Fußabrollen. Staksen. Trippeln. Marschieren. Humpeln mit schiefer Hüfte. Stolzieren. Dabei Brust raus. Oder auch Po raus und Entenwatscheln. Kopfwackeln zum Rhythmus der Schritte. Schwungvoll über Kreuz laufen. Manchmal schimmert etwas Tierchenhaftes durch. Später wird das Ensemble aber auch noch auf alle Viere gehen, sogar kurz eine Kollegin dabei unterm Bauch hängen haben, so dass man sofort an Tiermütter mit Kind denkt. Wäre das nicht auch für den Menschen praktisch? Man denke nur an die Rückenschmerzen von Müttern und Vätern.

Nüchtern ist die Bühne, Wandteile bieten Auftrittsmöglichkeiten. Nüchtern rhythmusgeprägt ist auch die eigens für „Sphynx“ entstandene, elektronische Musik Tiago Cerqueiras. Sie hält ein Stück zusammen, in dem sich jede Tänzerin, jeder Tänzer ganz überwiegend für sich bewegt, es erst gegen Ende auch einmal eine Ballung von Körpern gibt – aber auch da verzichtet Giovanola auf die sonst in Tanzstücken übliche Synchronizität.

Jeder latscht, schreitet, schlurft, tippelt, hüpft, hinkt oder stolpert für sich allein. Auch wenn man das auf der Straße nicht annähernd so krass beobachten kann – exzessive Geh-Marotten würden uns beim bloßen Unterwegssein zu viel Kraft kosten –, so wird man sich doch bei der Betrachtung von „Sphynx“ der Individualität des Gehens bewusst. Auch vertraute Menschen erkennt man von hinten ja nicht nur an ihrem Umriss, sondern auch daran, wie sie gehen.

„Sphynx“ ist zuerst vor allem drollig, mit Staunen anzusehen, nimmt dann Schwung auf, wenn das Ensemble zu ausgreifenderen Bewegungen kommt, auch zum vierbeinigen Teil, bei dem man gelegentlich an eine Herde von Antilopen oder ähnlichem denkt. Trotzdem erreicht dieses Tanzstück wegen des Verzichts auf synchrone Ensembleszenen nicht den Energiereichtum einer Choreografie von Sharon Eyal.

Aber man nimmt doch Bilder davon mit sich, auf die Straße, nach Hause, wo der eine oder die andere vielleicht ein paar neue Geh-Weisen ausprobiert.

Staatstheater Mainz , Kleines Haus: 2., 3., 6., 15., 17., 19., 20., 26., 27. Februar. www.staatstheater-mainz.com

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