Gemeinsam auf Abstand: Szene aus „Extra Time“ mit Manija Slavec und Bojana Mitrovic. Andreas Etter
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Gemeinsam auf Abstand: Szene aus „Extra Time“ mit Manija Slavec und Bojana Mitrovic.

Tanzmainz

Tanzmainz: Die Geometrie des Zappelphilipps

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Sie machen das Beste daraus: Pierre Rigals feine Choreografie „Extra Time“ im Mainzer Staatstheater.

Ausgerechnet „Welcome Everybody“ sollte Pierre Rigals Choreografie für das tanzmainz-Ensemble heißen; soweit jedenfalls der Plan, als der Franzose Anfang Februar aus Toulouse anreiste. Dann waren plötzlich viele, schon gar „alle“ nicht mehr willkommen, waren im Gegenteil Theaterhäuser und Ballettsäle geschlossen. Rigal aber reiste nicht nach Hause, er überwinterte gewissermaßen in einer Gästewohnung des Staatstheaters in Mainz. Am 11. Mai begann er mit einzelnen Tänzerinnen und Tänzern wieder zu arbeiten. Es entstand eine gut einstündige, symbolische Nachspielzeit, „Extra Time“, ein feines Tanzstückchen, das in eine abstandhaltende Geometrie abgezirkelte, aber auch die zutiefst menschlich-fahrigen Bewegungen von neun Akteuren setzt.

Es sollte keine Corona-Choreografie werden – und das ist es auch nicht geworden insofern, als dass Rigals Bewegungssprache auf pfiffige Weise un-beschränkt erscheint. Und das, obwohl er auch mit nun plötzlich verdächtigen Gesten und Verhaltensweisen arbeitete, dem zerstreuten Sich-ins-Gesicht-Fassen, dem Hinstrecken der Hand zur Begrüßung, dem freudigen Sich-Nähern – dann kommen das Abbremsen, der Zweifel, der Rückzug. All dies so stilisiert und scheinbar ganz natürlich eingearbeitet in ein rasantes Hüpfen, Zappeln, zackiges Turnen. Menschlein, die irgendwas zu beunruhigen scheint, aber die doch paradoxerweise auch ihren Spaß haben.

Zum Eindruck spielerischer Leichtigkeit trägt auch die hübsch bunte Ausstattung von Ronja Bendel und Irina Kraft bei, geometrische Formen hängen von der Decke, und die flotte dancefloorige Musik Gwen Drapeaus.

Vier Soli haben den Kern des quicklebendigen Abends im Großen Haus gebildet, der französische Choreograf hat sie geschickt einge- und umbaut – und wenn es nur ist, dass der Rest des Ensembles in einer lockeren Reihe steht und konzentriert zuguckt. Mal erhält das Publikum Signale wie von Fluglotsen, nur viel schneller, mal schütteln einige ihre Retro-Bubiköpfe wie Headbanger (ja, die Haare sind auch gewachsen), mal liegt der Tänzer Finn Lakeberg auf dem Boden, die Beine in der Luft, ruckt, zuckt und turnt, als werde er geturnt, als zöge jemand wie besessen an unsichtbaren Schnüren.

Ja, die Mainzer Tänzerinnen und Tänzer wissen einerseits nicht so recht, wie ihnen und ihrer Kunst durch Corona geschieht. Aber sie machen mit Pierre Rigal das Beste daraus.

Staatstheater Mainz, Großes Haus: 24., 25. Juni, 4., 5. Juli. www.staatstheater-mainz.com

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