Vor dem Zusammenprall: Lorenzo Terzo und Luis Tena Torres dürfen das.
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Vor dem Zusammenprall: Lorenzo Terzo und Luis Tena Torres dürfen das.

Nationaltheater Mannheim

Die Kraft der Einzelnen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Mannheims Tanzchef Stephan Thoss hat für sein Ensemble lauterfeine kleine Bewegungsinseln choreografiert.

Natürlich wird auch das Nationaltheater Mannheim mit allen seinen Sparten am Montag den Spielbetrieb einstellen, doch gerade noch hat Tanzintendant Stephan Thoss einen Abstandsregeln beachtenden Abend herausgebracht, der hoffentlich im Dezember wieder aufgenommen werden kann. „My Island“ besteht zum allergrößten Teil aus Solos; wo zwei Tänzer oder Tänzerin und Tänzer sich nahe kommen, leben sie auch zusammen. Der Umriss einer Statue über dem Geschehen lässt an Simon & Garfunkels „I Am a Rock“ denken: „I am a rock, I am an island“ – und Stein spürt keinen Schmerz. Wohl aber die junge Frau, die an einer langen Tafel diverse (Luft-)Gegenüber zu daten versucht und zunehmend verzweifelt plappert. Sie zieht sich zurück, verschwindet durch eine der Türen, die mal einzeln, mal im Quartett hereinrollen (Bühne und Kostüme: Stephan Thoss).

Ein paar Paare also, dazu eine Menge Passanten in einer unbestimmten Welt zwischen Innen- und Außenraum schickt der Choreograf über die Bühne des Mannheimer Schauspielhauses. Die Bewegungssprache der Duos und Solos zeigt durchgehend die für Thoss typische, eckige wie kraftvolle, ausgreifende wie zwischendurch Punkte setzende Handschrift. Dennoch sind die Schattierungen von Auftritt zu Auftritt anders, sieht man bei einem Tänzer den Einfluss von Breakdance, sieht man eine Tänzerin sich biegen und schlängeln, wirft eine andere immer wieder die Arme gen Himmel, als wolle sie diesen um etwas anflehen. Thoss zeigt das Mannheimer Ensemble auf diese Weise als aus starken Individuen zusammengesetzt; am Ende zeigt der ganz gleichmäßige Applaus für die sich einzeln Verbeugenden, dass auch das Publikum dies so wahrgenommen hat.

Wie meistens hat Thoss auch die Musikmischung zusammengestellt, eher Sprödes, eher Dämmriges, Melancholisches, ominös Knurpselndes von Wolfgang Mitterer, Harry Escott, Yann Tiersen, Laurent Petitgand, The The und anderen. Erst am Schluss fragt ein Stück von Frank London’s Klezmer Brass Allstars munter „Out Of What?“ Charakteristische Bewegungsschnipsel werden wiederholt, es ist wie eine kleine Zugabe.

Allüberall haben in der Pandemie Tanzchefs und -chefinnen die diffizile Aufgabe, ihr Ensemble in doppeltem Sinn auf den Zehenspitzen zu halten: indem es unter Beachtung aller Abstandsregeln trainiert wird (ein hochgestimmter Körper kann nicht einfach pausieren), indem es aber auch wenigstens hin und wieder im Ernst seine Kunst zeigen kann. An vielen Orten haben in den vergangenen Monaten Choreografinnen und Choreografen diese Herausforderung angenommen, haben Werke entwickelt, die die Vereinzelung entweder zum Thema machen oder mit ihr spielen, als hätte ihnen der Sinn sowieso danach gestanden.

Der Tanz braucht allerdings auch ohne Pandemie eine große Bühne, was wäre er, wenn er sich kaum vom Fleck rühren würde, wenn Tänzerinnen und Tänzer nicht mal springen, rennen, einen Moment fliegen könnten. Schon ein 75-minütiges Stück wie „My Island“ demonstriert, dass eine Choreografie außerdem die Abwechslung braucht; die Stephan Thoss hier auch klug erzeugt, indem er zum Beispiel zwei Tänzerinnen auf Distanz sich spiegeln lässt, indem er drei Tänzer, jeder hinter einem Tisch, zu einer Art gebremsten Trio macht.

Aber selbstverständlich freut auch der Einzel-Tanz, freuen im Fall von „My Island“ die insgesamt 17 Tänzerinnen und Tänzer, die ihr geschliffenes, regelrecht artistisches Talent einbringen, dies durchweg mit Verve, denn Thoss drückt in seiner Choreografie ziemlich auf die Tube. Die Menschen, die man hier sieht, werden sichtlich umgetrieben von den kleinen und großen Menschensorgen und -gefühlen,. Sie mögen allein auf der Bühne sein, aber sie geben einer Fülle von Nuancen Ausdruck. Sie sprechen uns an, auch mal wortwörtlich, aber vor allem mit ihren intrikat, expressiv ausgeführten Bewegungen. Und sie werden alles tun, um für uns fit zu bleiben.

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