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Katja Schneider lehrt an Frankfurts HfMDK Tanztheorie.
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Katja Schneider lehrt an Frankfurts HfMDK Tanztheorie.

Interview

Tanz, Theater und Corona: „Auch Blicke berühren“

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Tanztheoretikerin Katja Schneider über die Kunst ohne Kontakt und existenzielle Fragen, die sie mit einem Symposium zur Diskussion stellt.

Frau Schneider, die Menschheit tanzt seit Tausenden von Jahren. In den vergangenen Monaten vermutlich jedoch so wenig wie lange nicht. Was geht gerade verloren?

Viel Freude und viel Energie. Doch das Miteinander-Tanzen hat in seiner Entwicklung immer wieder Regulierung erlebt. Wenn man sich die Tanzgeschichte anschaut, sind die Restriktionen immer größer gewesen als die Freiheiten. Es gab das Tanzverbot der Kirche, am Karfreitag gilt das noch immer. Als der Walzer aufkam, wurde er als große Gefahr gesehen. Oder auch populäre, „wilde“ Gesellschaftstänze im 20. Jahrhundert. Die moralische Verurteilung von Tänzen war immer da. Nur in den vergangenen Jahrzehnten war man das nicht mehr gewöhnt. Da war diese Freiheit eine Selbstverständlichkeit.

Derzeit werden das Miteinander und die Berührung wegen der Infektionsgefahr eingeschränkt. Was hat es für Theater, Tanz und Performance zur Folge, wenn auf der Bühne und im Studio Abstandsregeln eingehalten werden müssen?

Es konnte und kann schlicht ganz viel gar nicht stattfinden. Die Theater spielen, mal spielen sie nicht. Diese Verunsicherung, dass man seinen Beruf nicht richtig ausüben kann, oder nur unter Bedingungen, die es verunmöglichen, es so zu tun, wie man es gelernt hat, erschüttert genau diese Selbstverständlichkeit der Freiheit. Doch die Pandemie schafft nicht nur neue Probleme. Sie macht auch ganz stark deutlich, wo Probleme schon immer waren.

Welche Probleme meinen Sie?

Grundsätzliche Fragen: Wie geht man mit einander um, wie begegnet man sich? Man denke nur an die Folgen der MeToo-Bewegung, die gezeigt hat: Für manche ist Berührung nur ein Mittel zum Zweck. Eine körperliche Grenze wird übertreten, um Macht auszuüben. Und auf der anderen Seite muss jemand diese Machtausübung erleiden.

Am kommenden Wochenende veranstalten Sie an der HfMDK ein Symposium mit dem Namen „U can’t touch this!“. Was wollen Sie damit erreichen?

Im Tanz ist die Berührung kein neues Thema, sondern sie ist auch wissenschaftlich schon intensiv erforscht, weil sie so zentral ist. Doch jetzt kommen neue Fragen auf: Wie ist denn, wenn man sich im Tanz nicht mehr berührt? Was fällt dann weg, welche Kommunikationsweisen? Oder ist das gar nicht so schlimm, dass man sich nicht berührt? Es ist für alle, die im Tanz- oder Schauspielbereich arbeiten absolut existenziell, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Ob für die Studierenden, die gerade ihr erstes Semester beginnen, oder Absolventinnen und Absolventen, die ihren Weg in die Theater und freie Szene finden wollen.

Nicht nur beim Tanz, auch im Schauspiel werden durch Nähe Reibung und Emotion erfahrbar gemacht. Doch Nähe muss nicht immer Körperkontakt heißen. Inwiefern können Blicke, Mimik und Gestik dies kompensieren?

Zur Person

Katja Schneider, geb. 1963, habilitierte sich 2013 in München zum Thema „Tanz und Text. Figurationen von Sprache und Bewegung“. Seit 2019 lehrt sie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt.

Die HfMDK bildet rund 900 Studierende künstlerisch und wissenschaftlich aus. Derzeit startet das dritte Semester unter Corona-Bedingungen. Das Symposium „U can’t touch this!“ soll für Kunst und Lehre ohne körperliche Nähe sensibilisieren und versammelt Stimmen aus Forschung und Praxis. Interessierte können sich anmelden. Informationen unter www.hfmdk-frankfurt.info/

Ja, auch Blicke berühren. Das zeigt, es ist sehr schwierig zu definieren: Was genau ist Berührung? Es ist ganz selten so, dass man jemanden anfasst und sagt, damit ist es getan, ich berühre dich jetzt. Es gibt etwa die Sichtweise, dass die Berührung nicht das ist, was zwei Individuen tun, sondern, dass sie erst in diesem körperlichen Austausch entsteht und eine ganz eigene Kraft entwickelt. Mit Mimik wird im zeitgenössischen Tanz eher weniger gearbeitet.

Was fällt stattdessen auf?

Viele Choreografen arbeiten gegenwärtig mit Abständen. Die Themen Einsamkeit, Alleinsein oder die Vereinzelung werden inhaltlich verarbeitet. Künstler haben sich damit zuletzt viel stärker auseinandergesetzt und Stücke den Corona-Bedingungen angepasst. Auch im Sprechtheater beschäftigen sich derzeit viele Uraufführungen damit. Ausgehend von der Corona-Situation wird thematisch auf Situationen eingegangen, die vorher natürlich auch schon da waren, etwa die zunehmende Internetnutzung oder filmische Präsentationen.

Die MeToo-Bewegung hat gezeigt: Für manche ist Berührung nur ein Mittel zum Zweck

Katja Fischer

Sie haben dazu geforscht, dass Tanz keine stumme Kunst ist. Könnte ein Mehr an Kommunikation und Text anstelle von physischem Kontakt treten?

Das wurde bereits im 20. Jahrhundert immer wieder erprobt. Wörter und Schriftzüge auf Körper, Blättern und Wand, gesprochene Passagen. Es gibt Projekte, bei denen Choreografen Tänzern an ganz anderen Orten Anweisungen per Übertragung direkt ins Ohr geben. In Form einer Anweisung kann das also funktionieren und ein neues Gestaltungsmittel sein. Aber Berührung kann im Tanz durch Wörter nicht kompensiert werden. Es sind zwei unterschiedliche Spuren, die den Körper durchziehen und andere Resonanzräume eröffnen.

Auch die Berührungspunkte mit dem Publikum fallen derzeit meist weg. Mit welcher Folge?

Nachhaltig aufgehoben ist die Fixierung, dass alles immer vor Ort sein muss. Wenn ich etwas online zeige, erreiche ich Menschen, die ich sonst nie dabei gehabt hätte. Die sonst zu weit weg wären oder es sich gar nicht hätten leisten können, zu einer Aufführung zu kommen. Da sind niedrigschwellige Formen des Zugangs und der Zusammenarbeit entstanden. Kunstinstitutionen sind gut beraten, diese gut funktionierenden Formate, die aus der Not geboren sind, nicht wieder komplett fallen zu lassen.

Interview: Jakob Maurer

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