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Geniekult im Museum: Uniforme Follower und Künstlerin Diva.

Nationaltheater Mannheim

Tanz in Mannheim: Die nicht so subtile Kunst des Felix Landerer

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In Mannheim ist das Tanzstück „Dorian“ eine beherzte Satire auf den Kunstbetrieb.

Ein Bild, das die Verderbtheit einer Seele aufnimmt, das darum zu noch mehr moralischer Sorglosigkeit verführt: Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ erzählt von einer Art Pakt mit dem Teufel, ohne dass dieser noch wie zu alten Zeiten Gestalt annehmen müsste. Aber wie alle diese Pakte geht auch der des jungen schönen Dorian nicht auf: Alt und hässlich findet man ihn nach seinem Tod. Dafür ist er auf dem Bild wieder hergestellt. Das ist ja auch schon was, für ein so herrliches Kunstwerk Modell gestanden zu haben.

„Dorian“ nennt der österreichische Choreograf Felix Landerer ein Tanzstück, das er im Auftrag des Nationaltheaters Mannheim, des dortigen Tanz-Intendanten Stephan Thoss, fürs Opernhaus erarbeitet hat. Es erzählt freilich in pausenlosen 90 Minuten nicht die Wild’sche Geschichte, sondern stellt Fragen nach Kunst und Künstlern, dem sogenannten Kunstbetrieb und seiner willkürlichen Wertschätzung des einen Akteurs und Missachtung eines anderen. Bei Landerer ist „Dorian“ ein Raum in einem zeitgenössischen Museum – Till Kuhnert hat ihn spartanisch, mit den vertrauten schlichten Sitzbänken ohne Lehne eingerichtet -, darin drei Kunstwerke und überzeichnetes Personal.

Das Werk „Opera by Diva“ ist ein pinkfarbener Kleid-Wirbel (Video: Valeria Lampadova, Kostüme: Min Li), seine Trägerin kommt auch gleich selbst auf die Bühne und wird von Followern hofiert wie eine Königin: Emma Kate Tilson tanzt die verehrte Künstlerinnen-Diva, unter Pracht und blonder Perücke steckt aber am Ende ein Häufchen Elend. Und während die Diva in Unterwäsche abgeht, probiert themanyyoumaynotknow (Lorenzo Angelini) das Kleid an – freilich wird das dem Künstler nicht mehr Aufmerksamkeit bringen, der seine Klanginstallation fatalerweise „Die subtile Kunst des …“ betitelt. Angesichts von „subtil“ folgen die Museumsgäste der Führerin schnell in den nächsten Saal. Schließlich „Die kritische Masse“ (Jamal Callender), eine sitzende Figur, die man zwischendurch vergisst, weil sie so spärlich zum Leben erwacht.

Nationaltheater Mannheim, Opernhaus: 23., 28. November, 2., 10. Januar. www.nationaltheater-mannheim.de

Felix Landerer braucht Sprache (und den Besetzungszettel), um einigermaßen erklären zu können, was es mit den drei Werken und dem Geschehen auf sich hat. Die „Kuratorin“ (Alexandra Chloe Samion) hält also eine kleine Rede, begrüßt überschwänglich „Die Meinung“ (Andrew Wright): „Your opinion means the world“, und ist ganz hin und weg, dass „Diva“ persönlich kommt. Wilde-Zitate über Ästhetik fallen und werden in deutscher Übersetzung eingeblendet. Diva tritt indessen als „very special VIP-guest“ mit sakral schwellender Musik auf (Auftragskomposition: Christof Littmann).

Man kann „Dorian“ getrost als Satire auf den Kunstbetrieb lesen. Das nicht nur, weil auch die Geschichte vom auf dem Museumsboden abgestellten und vergessenen Weinglas erzählt wird, das bald als vermeintliches Kunstwerk eifrig fotografiert wird. Landerer hat eine Bewegungssprache gefunden, die durch hektische Richtungswechsel, durch kuriose Verdrehungen, Hoppeln und Stolpern, Dienern und Abknicken die Figuren immer wieder maliziös zeichnet. Das kann er gut (und kann auch das Ensemble gut), eigentlich vertraute Tanzbewegungen in eine Schräglage bringen, die diese Bewegungen weniger lustig als vielmehr scharf und ein wenig lächerlich macht. Aber dann wiederum traut er dem Tanz offenbar nicht so viel zu, als dass er nicht auch zum Beispiel die Kuratorin schluchzend die Contenance verlieren ließe. Das, nachdem der „Künstler Laut“ (Joris Bergmans) mit seinen Fans im Museum und in nichts als bunten Höschen Party gefeiert hat.

Der österreichische Choreograf scheut nicht den kräftigen Strich und vielleicht auch nicht den Vorwurf, dass hier mancher Seitenhieb auf den Kunstbetrieb etwas billig ist. Die eher nicht subtile Kunst des Felix Landerer bedient sich der Karikatur und bringt damit einiges auf den Punkt. In anderen Momenten weiß man nicht recht, worauf er zielt und warum es dafür Zitate von Oscar Wilde braucht. Man könnte meinen, sie sollen einem satirischen Stückchen mehr Gewicht geben.

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