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Wüstensöhne, die den Hip-Hop beherrschen.

Tanzmainz

Tanz liegt auf der Straße

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Das Tanzmainz Festival mit CHoreografien aus Frankreich und Brasilien, die junge, populäre Stile fabelhaft nutzen.

Ein rustikaler Abend markierte nun die Mitte beim Festival Tanzmainz. Rustikal nicht in einem abwertenden Sinne, doch gleichsam grob behauen, da von zwei Ensembles ausgeführt, die keine langjährige professionelle Tanzausbildung durchlaufen haben. Zwei Ensembles auch mit einem völlig anderen Hintergrund.

Die Compagnie Hervé Koubi setzt sich komplett aus ehemaligen Straßentänzern zusammen; es sind alles Männer, sie sind aus Algerien und Burkina Faso nach Frankreich gekommen. Unerzählt bleibt, wo und wie Koubi die äußerst muskulösen jungen Männer gefunden hat, Heimat der Compagnie ist Cannes. Nach Mainz brachte man jetzt „Die Schuld des Tages an die Nacht“ von 2013, ein einstündiges, furioses Stück, das die stupenden Hip-Hop-Fähigkeiten der Tänzer in ein atmosphärisch aufgeladenes Licht setzt.

Alle tragen weiße Hosen plus Stoffbahnen drüber (Kostüme: Guillaume Gabriel), dazu nackten Oberkörper, so dass sie einerseits mönchisch, andererseits aber auch kriegerisch wirken. Dazu wechselt die Musik zwischen nahöstlichen Anklängen und zum Beispiel sakralem Bach. Ein gewisses Pathos wird aufgerufen, aber es wird nicht überstrapaziert.

Mit dramaturgischem Geschick verlangsamt Hervé Koubi ab und zu den Bewegungsfluss, aber überwiegend greifen artistische und kraftvolle Passagen ineinander. Immer wieder gibt es Headspins, mal von einem, mal von dreien, mal von vier Tänzern, die Stoffbahnen flattern höchst dekorativ. Man reiht sich und schwingt die Arme in den Himmel, wirft einen Kollegen in die Luft. Manche schnellen mit Salti über die Bühne; überhaupt würden es diese jungen Männer auch zu Zirkusartisten bringen, ihre Körperbeherrschung ist beeindruckend. Koubi versteht das vorzüglich zu kanalisieren, streng und doch variationsreich zu rahmen.

Den mit voller Absicht monochromen Straßentänzern folgten im Kleinen Haus des Staatstheaters Paradiesvögel aus Brasilien: Die Gruppe Suave um die Choreografin Alice Ripoll ist zusammengesetzt aus jungen Tänzerinnen und Tänzern, die ihr in Clubs und auf Partys aufgefallen waren. Vor allem durch kreativen Umgang mit dem Passinho (kleiner Schritt), ein populärer Stil aus den Favelas. Schnell und eng werden die Schritte gesetzt, die Fußstellung oft geschwind von auswärts auf einwärts auf auswärts gewechselt. Man trippelt, dass der ganze Körper vibriert. Schüttelt den Kopf, dass die Haare fliegen. Schüttelt den Po.

Es geht in dem ebenfalls rund einstündigen „Cria“ (junges Wesen) nicht darum, Formationen, Gruppentänze zu schaffen, alle sind auch in ihren bunten Klamotten (Kostüme: Raquel Theo) individuell unterwegs. Natürlich gibt es auch hier eine Dramaturgie, wird der Fluss der kleinen Auftritte mal durchbrochen, gibt es ein Solo, bricht die rhythmusbetonte Musik von DJ Pop Andrade ab, tritt für Momente Stille ein. Aber „Cria“ ist von der Anmutung anarchisch, ausgelassen. Die jungen Mitwirkenden mögen in Brasilien Underdogs sein, aber sie treten mit Stolz und Pfiffigkeit auf.

Zum Schlussapplaus halten sie ein Straßenschild hoch: „Rua Marielle Franco“. Marielle Franco war Afrobrasilianerin und Stadträtin der sozialistischen PSOL in Rio de Janeiro, sie wurde 2018 ermordet. Angesichts des neuen Präsidenten ist es in Brasilien keine Option mehr, unpolitisch zu sein.

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