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Körper in schroffen Winkeln. 

Frankfurt

Tanz aus Istanbul im Gallus-Theater: Hoffnung in elenden Schleifen

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Das Istanbuler Tanzgastspiel „Monoton Kadin“ im Gallustheater.

Choreografiert von Galip Emre, getanzt von Mert Bozkurt und Yagmur Savaskan, handelt es sich beim Duo „Monoton Kadin“ um eine dreiviertelstündige Koproduktion von Emres Tanzcompany GEDC mit der „ADA Dance Company“ (Tanzdepartment Uni Ankara): zwei Tanzabsolventen in Händen eines Choreografen, der nach seinem Studium in Ankara Erfahrung und Meriten im UK, Russland, Deutschland und den USA sammelte und moderne-postmoderne Techniken nutzt.

Zeitgenössischen Tanz aus der Türkei sieht man sonst selten, daher nützt es zu wissen, wie „Monoton Kadin“ nach Frankfurt fand. Winfried Becker, der als Intendant am Gallustheater den Tanz fördern will, rekrutierte sich als Programmdirektor Raffaele Irace aus Turin, der für Jacopo Godanis Dresden Frankfurt Dance Company arbeitet und auch das alte Forsythe-Personal kennt. 2008 gründete er in Turin seine Tanztruppe „The very secret dance society“ und 2014 das Festival „Solocoreografico“, dem er 2018 mit „Solocoreografico Frankfurt“ am Gallustheater einen Ableger gab. Vielgereist als Tanzdozent und für die Kulturdiplomatie Italiens, kam Irace auch nach Ankara, wo er die türkische Tanzszene kennenlernte.

„Monoton Kadin“ (kadin gleich Frau) beeindruckte ihn dort. Sätze wie „Es ist das Spiegelbild des gefangenen Individuums in der heutigen Gesellschaft“ sind übrigens okay für Programmzettel, können aber nie die Intensität, die sinnlichen Eindrücke eines Bühnengeschehens und dessen Kontexte vermitteln. Zu letzteren weiß Irace etwa vom polarisierten Klima im schmucklosen Ankara und der Spielstätte dieses Stücks zu berichten, welche ihn ans Bockenheimer Depot erinnerte, aber auch trickreich dem Druck der Tagespolitik standhalten musste.

Das tägliche Einerlei

Yagmur Savaskan trägt zu den Tanzsocken ein langes schlichtes schwarzes Kleid, das trotz Ausschnitt an die mittelmeerische Witwentracht à la García Lorca erinnert. Bedrückend erscheinen auch die türkisch gesprochenen, per Handzettel vor-übersetzten Sprechäußerungen beider, die vom quälenden täglichen Einerlei ebenso wissen wie von der Hoffnung auf erlösende Passionen und von liebevoller Teilnahme am Gegenüber.

Das Pathos, das in all dem liegt, bestätigt sich in einer symbolisch offenen Tür zur Linken und der fürs Gesamtbild wichtigen Lichtregie. Sie bannt die Figuren einzeln und gemeinsam wieder und wieder in eckige, sich überschneidende Flächen. Der weiche, liebende Körper: von schroffen Winkeln und Kästen quadriert und zerschnitten, ja ab und an selbst im Miteinander deformiert zu Tierformen mit vier Beinen oder zwei Bäuchen in grotesker Bewegung. Dass die „kadin“, die Frau, zu Anfang verschattet am Boden liegt und der männliche Part im Lauf des Stücks wiederholt mit dem Kopf durch die unnachgiebige Hinterwand will, liefert die Übersetzung solcher Extreme ins gewöhnlichere Leben.

Das Scheitern einer Mann-Frau-Beziehung (der wohl etwas jüngere Mert Bozkurt trägt eine schwarze Hose mit Karottenbeinen und ein weißes Hemd) wäre wie so oft dem Tanz nicht deutlich ablesbar, und doch strahlt das Stück von leicht melodramatischem Gepräge etwas davon aus. Was ist es, was das Leben so „monoton“ macht, die Hoffnungen zumal der Frau in elendige Schleifen zwängt? Die tanzpoetischen Bilder, in die sich das hüllt, sind stark.

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