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Tanz in Mainz: Vom Springseil bis zum Hip-Hop

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Von: Marcus Hladek

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Übereinstimmung von körperlich gesunden und beeinträchtigten Tänzerinnen und Tänzern in „Harmonia“.
Übereinstimmung von körperlich gesunden und beeinträchtigten Tänzerinnen und Tänzern in „Harmonia“. © Jörg Landsberg

Die ganze Stadt eine Bühne: Beim „Tanzkongress“ in Mainz überzeugten in ihrer Vielfalt die kleinen wie auch die großen Produktionen.

Ahat, Shiva, Pan, Nijinsky, Shakti, Bes, Sankt Vitus und all die anderen Schutzpatrone des Tanzes: sie blickten auf Mainz und hatten ein Einsehen. Vier Tage lang gossen sie Sonne und Wärme über dem „Tanzkongress 2022“ aus und machten die Vorbereitung in Furcht und Schrecken vor Corona vergessen. Erobert hatte sich das Staatstheater den Tanzkongress vom Veranstalter Kulturstiftung des Bundes (Bundesbeauftragte für Kultur und Medien), mit zusätzlicher Hilfe vom Goethe-Institut bei Einladungen aus aller Welt.

Ganz Mainz wurde also Bühne. Hob man bloß den Kopf, um zu sehen, ob um Ikarus auf seinem Theaterdach noch alles zum Besten stand, streifte der Blick schon über Tänzer in der luftigen Gebäudebrücke zwischen Großem und Kleinem Haus, die dort ihrer Berufung folgten. „Sharing Potentials“: Das Motto galt auch für Spielorte.

800 Frau, Mann und Maus nahmen aktiv teil. Als Szenetreff diente der Kongress der höheren Fachsimpelei, doch standen viele Workshops offen für alle, und das Programm bezog die Region mit ein. Allerorts huschten Gruppen vergnügter, (noch) nicht professioneller Jungtänzerinnen einher.

Das künstlerische Schauprogramm eröffnete mit „Sphynx“ von Rafaële Giovanola (siehe FR vom 2. Februar). Auf diversen Plätzen spielten sich Performances ab, die als Straßentanz funktionierten. „Beings“ von und mit Yin-ying Lee und Yeu-Kwn Wang (Taiwan) zum Beispiel: ein Duo im Zeichen kunstvoller Schlichtheit auf dem Karmeliterplatz.

Die weiße Plane, auf und mit der das Paar agierte, war ein geschichtetes Reispapier, das schwarze Gekritzel darauf: ein kalligraphisches Spiel, so auch mit dem chinesischen Schriftzeichen für „Person“, das wie ein zweibeiniger Glücksknochen aussieht. Soviel Hintersinn schadete dem Sinnlichen nicht, wie auch das Spiel mit dem Ein- und Entfalten der Tänzer im Reispapier metaphorisch war, ohne unter dem Figurativen zu ächzen.

Ähnlich tags darauf am Gutenbergplatz, wo Agathe Djokam Tamo (Elfenbeinküste) unter dem übermenschlichen Blick von Douglas-Model Cara Delevingne aus dem Laden daneben ihr Solo „Energy“ zeigte. Sie, ihr Springseil und ihre Leiter im Klangbad des Verstärker-Trolleys: ein einziges Abarbeiten am Objekt in den Farben des zeitgenössischen, Hip-Hop- und afrikanischen Tanzes. Man musste nicht wissen, dass Tamo in „Energy“ darüber nachdenkt, ob sie Pflegerin oder Tänzerin werden will, um sich dafür zu begeistern, wie sie ihre Mühen der Selbstbestimmung ausagierte: sich beim Rennen verausgabend, ins Joch oder den Block der Sprossen gespannt, sich mühend wie Sisyphos.

Unter den großen Stücken ragten „Freedom“ von Club Guy & Roni und die ungarische Produktion „Harmonia“ von Adrienn Hód heraus. Auch das afrikanische Solo-Doppel „Sian/21 Questions“ gefiel, während das Tanztheaterstück „But Then We’ll Disappear“ von Frédérick Grave und Carte Blanche nur zur Hälfte gezeigt wurde und kaum beurteilt werden kann.

„Harmonia“, im Kleinen Haus vor aufgelockerten Zuschauerinnen und Zuschauern auf Sofas und auf der Bühne, beeindruckte als Abendfüller mit gesunden neben körperlich beeinträchtigten Tänzern. Man muss das Stück erlebt haben, um die glückhafte, sehr innige Übereinstimmung in der Zehnergruppe zu ermessen und zu verstehen, wie sehr das ästhetisch Gültige daran allen engen Begriffen von Andersheit, Behinderung, Inklusion trotzte. Einer asketisch-abstrakten Phase geduldiger Erkundung folgte nach einer Zäsur ein vor Lebensfreude sprühender, in Partyklängen jauchzender Abschnitt mit sehr individuellen Soli, der das Erarbeitete rasant ausspielte.

Endlich „Freedom“ von Guy Weizman und Roni Haver im Großen Haus: ein dramaturgisch raffiniertes Stück (Friederike Schubert), das eindrücklich die Guantanamo-Haft von Mohamedou Ould Slahi verarbeitet, und ein, wo nicht der Höhepunkt. Zwanzig Jahre nach 9/11 trug das Setdesign von Ascon de Nijs, diese eckig schwebenden Metallröhren wie lauter winzige Zellen, die zu Glocken und Lichtquellen werden, zu diesem Eindruck bei, verstärkt von Peter Zwarts Sounddesign, Hugo Morales Murguías Komposition und den Tänzern in ihren zeitweise starren übergroßen Kostümen (Maison the Faux). Zu wissen, wie Club Guy&Roni den unschuldigen Häftling in die Arbeit nach seinem Buch „Guantánamo Diary“ einbezog, kommt hinzu. Ein gewisser Bombast bei Licht und Klang scheint angemessen. Vierzehn Jahre Gefangenschaft mit Folter, aber ohne Entschuldigung trotz Freilassung sind kein Pappenstiel.

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