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Tanz-Doppel „V/ertigo“ in Darmstadt: Im Besitz der Lufthoheit

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Von: Marcus Hladek

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Tänzerische Fallschirmsprünge in Damien Jalets „Skid“. Foto: Andreas Etter
Tänzerische Fallschirmsprünge in Damien Jalets „Skid“. Foto: Andreas Etter © Andreas Etter

„V/ertigo“: Das Hessische Staatsballett eröffnet die Saison in Darmstadt mit einem hochklassigen und tollkühnen Doppelabend.

Zweimal 40 Minuten dauern die parallel produzierten Schwesterstücke „Skid“ von Damien Jalet und „I’m afraid to forget your smile“ von Imre und Marne van Opstal. Doch mit der Messung der Zeit ist es an diesem Abend beim Hessischen Staatsballett in Darmstadt, der sich „V/ertigo“ nennt, so eine Sache.

Um mit „Skid“ zu beginnen: Man muss sich nicht zu Laiengeschwätz über relativistische Abhängigkeiten von Masse, Schwerkraft und Zeit versteigen, um zu erkennen, dass der Einsatz einer so steilen, um 34 Grad geneigten Wand als Tanzfläche ganz andere Gesetze diktiert, die sogar die Zeitwahrnehmung kippen mögen. Gehen die Tänzer oder Tänzerinnen im ersten Teil von „Skid“ mit der Schwerkraft mit, so müssen sie sich nicht mehr unter Kraftaufwand aktiv bewegen, sondern überlassen es der Physik – und lassen sich fallen, gleiten, rutschen. Das hat etwas Befreiendes und macht die Bühne zum gezähmten Luftraum für tänzerische Fallschirmspringer, Quasi-Parabelflüge und träumerische Läufe über imaginierte Dächer wie in Filmwelten.

Am Ende jedes Abwärtsweges landen die 17 Tänzer und Tänzerinnen im Orchestergraben, um fünf, sechs Meter darüber, an der Oberkante, wundersam wieder aufzutauchen und ihre nächste Runde zu beginnen, fast wie die aus Nacht und Unterwelt auftauchende Sonne. Gummisohlen und Gummiflächen an den Unisex-Kostümen dosieren die Reibung und sorgen fürs gewünschte Tempo oder Lenkung, auf dass der „Skydive“ in Linien, Ketten, schlingernden Stürzen umso figuren- und variantenreicher ausfalle.

Teil 2 von „Skid“, jetzt noch uniformierter, wird zum Aufstieg gegen die Schwerkraft: in martialischer Phalanx-Pfeilformation etwa, voller Bergsteiger-Dramatik, militärisch organisiert, unter Nutzung von Schleuderkräften. Unter den Leuchtröhren, die die Gesichter meist im Dunkeln lassen, hat das etwas Alpinistisches und belohnt die Kooperation. Die Musikbegleitung beginnt naturmalerisch, klopft dann zum Marsch, weht endlich in sachten Crescendi mystisch einher. Im Spinnennetz oder geboren aus ihrem Kokon setzt eine Tänzerin im Fade-out das rätselhafte Schlusszeichen.

Imre und Marne van Opstals Tanzstück „I’m afraid to forget your smile“ für zwei Tänzerinnen, vier Tänzer und den Opernchor unter Leitung von Ines Kaun (je vier Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimmen) ist völlig anders geartet, doch gleichermaßen genial. Auch dieses Stück erzählt von einer Extremsituation, nur eben metaphysisch-ätherisch statt physisch-physikalisch. Wie „Skid“ ragt es tänzerisch-choreografisch heraus.

Schöner Einstieg, wenn die schein-nackten Beteiligten (alle tragen dicke Undies, die Frauen auch transparente Oberteile) auf der Fläche zwischen den Sängerinnen und Sängern links und hinten, selbst liegend, dem sachten Gesang vom „April rain“ antworten: mit wachsenden Klopfbewegungen und -lauten. Später bestechen skulpturale Details, etwa wie die Opstal-Geschwister den ausnehmend großen, muskulär extrem definierten Ramon John inszenieren. Allein wie er die enorm langen Arme albatrosartig über sich ausbreitet – erstaunlich.

Die eine oder andere Stelle im Stück erinnerte vor heiligem Ernst und durchs Verhältnis von Körper zu Raum geradezu an Jerzy Grotowskis Klassiker „Apocalypsis cum figuris“. Viel höher geht’s im Theater nicht.

Wo „Skid“ auf die Begleitmusik von Christian Fennesz vertraute, ist die choral-lyrische Anlage von „I’m afraid to forget your smile“ ungleich raffinierter in ihrer Synthese mit der Choreografie. Schade, dass die Angaben zum Chorsatz nicht präziser ausfallen, vom Eingangsstück über „April rain“ zu den Beiträgen des Isländers Jóhann Jóhannsson, des New Yorkers David Lang, Arvo Pärts und des Briten Howard Skempton. Der Titel jedenfalls verweist auf den Tod eines geliebten Menschen, Trauer und ein sakral angehauchtes, rituell umgesetztes Nachdenken über Tod und Jenseits bis hin zur lateinischen Anrufung Gottes und einem „Kyrie eleison“.

Eine Art Unterweltswanderung wird vollends daraus, wenn man sich zusammenreimt, dass es sich bei den Kompositionen des Norwegers Ola Gjeilo und des Amerikaners Eric Whitacre zu Versen des US-Lyrikers Charles A. Silvestri um „The Sacred Veil“ und „Dreamweaver“ handeln dürfte. Ersteres stellt die von der Suche nach Trost in der Kunst geprägte Reaktion Silvestris auf den frühen Tod seiner Frau dar. Letzteres ist die Übersetzung einer visionären Jenseitsballade aus dem mittelalterlichen Norwegen.

Ein mitreißender Abend, der das Hessische Staatsballett in noch höhere Höhen bringen wird.

Staatstheater Darmstadt: 24., 25. September, 1., 15. Oktober. Premiere am Staatstheater Wiesbaden ist am 28. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

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