Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tannhäuser (Staatstheater Darmstadt, 2017)
+
Tannhäuser (Staatstheater Darmstadt, 2017)

"Tannhäuser" in Darmstadt

Tannhäuser, eine Utopie

Amir Reza Koohestani inszeniert am Staatstheater Darmstadt Richard Wagner in muslimischer Umgebung.

Regiedebüts in der Oper haben Charme und Tücken. Es kommt einem heikel vor, wenn der Erfahrungsvorsprung der übrigen Beteiligten und Zuschauer zu groß ist. Aber auch Unbefangenheit ist von Zeit zu Zeit bestechend. Aber auch der erfreuliche Mangel an Routine kann zu routiniert wirkenden Ergebnissen führen.

Der mit seinen Schauspielinszenierungen international erfolgreiche Iraner Amir Reza Koohestani hat von alledem etwas zu bieten. Am Staatstheater Darmstadt widmete er sich – mit Dirk Schmeding als „Co-Regisseur“ – Richard Wagners „Tannhäuser“, ein Theatermacher aus einem islamisch geprägten Land einer Oper, in der ein Protestant sich mit durchaus effekthaschendem Ehrgeiz in katholisches Kerngebiet begab. Die geschilderten Vorgänge, so scheint es und so hat Koohestani auch vorher zu Protokoll gegeben, kamen ihm auf den zweiten Blick nicht so unvertraut vor. In der Tat ist die Ansiedelung des Geschehens in einer muslimischen Umgebung ein weitgehend natürlicher, selbstverständlich wirkender Transfer (auch wenn Teile des Darmstädter Publikums das nicht so sahen). Sexualfeindlichkeit und Konservatismus sind keine Alleinstellungsmerkmale christlicher Gesellschaften, die Freude an den schönen Künsten und der friedlichen Aufregung eines Gesangswettbewerbs keine Privilegien des Abendlandes.

Wenn Koohestani im zweiten Akt eine muslimisch festlich gekleidete Schar auf die Bühne schickt, leuchtet das nicht nur ästhetisch ein – nicht so weit auseinander, die mittelalterliche und orientalische Mode. Es ist auch die Utopie einer wieder entspannteren (islamischen) Welt, denn geschildert und gerügt werden im „Tannhäuser“ zwar Heuchelei und Schuldgekrampfe, aber Koohestanis Umgang damit ist sanft und lebenszugewandt. Der als Gruppe vorzüglich bewegte Chor erzählt von vergnügten Individuen, die sich auf einen netten Abend (hier: in einer Fernseh-Show) freuen. Nachher ist die Gewaltbereitschaft nicht höher als im Sängersaal auf der Wartburg. Sein kunstsinniges muslimisches Publikum ist eine Utopie auch insofern: Koohestani berichtete im FR-Interview, dass er selbst erst vor drei Jahren Gelegenheit gehabt habe, eine Operninszenierung im Theater zu sehen, das war in Deutschland.

Anderes an diesem Abend bleibt noch zurückhaltender, manches recht unverbindlich, manches andererseits nicht ganz verständlich – wo die Gründe kulturell sind, wird man neugierig, wo sich Koohestani nicht auf die psychologische Folgerichtigkeit verlässt, skeptisch. Tannhäuser traut er zu, dass er im eskalierenden Streit über eine arme Choristin herfällt. Es ist praktisch das einzige, was Deniz Yilmaz zu tun bekommt, außer zu singen und unglücklich auszusehen. Unwahrscheinlich.

Die Filmbilder im Venusberg (Video: Philipp Widmann) greifen merkwürdige west-östliche Szenen auf (historisches Filmmaterial, so scheint es), dann läuft es aber doch auf eine ziemlich schlichte Begegnung im glimmenden Lotterbett hinaus (Bühne: Mitra Nadjmabadi). Es wurden noch einige ansehnliche Statisten dazugelegt. Eine etwas schüchterne Szene. Die Rückkehr des vom Papst abgewiesenen Rom-Pilgers bleibt ebenfalls bescheiden: Unbebildert auf weißem Grund singt Elisabeth ihren Abschied von der Welt, auf schwarzem dann Tannhäuser seine Rom-Erzählung.

Dazu passt, dass das Personal Koohestani weniger zu interessieren scheint als die Umgebung, in der es sich bewegt. Allein Wolfram von Eschenbach bekommt eine etwas vertiefte Aufmerksamkeit. Dass auch er Elisabeth liebt, ist kein neuer Gedanke, aber Koohestani lässt David Pichlmaier mit Tränen und in Großaufnahme leiden, auf sein keusch hochgeschlossenes Kostüm hat Gabriele Rupprecht ein Zierschwert an eine delikate Stelle sticken lassen. Den Koran hat er stets dabei.

Eine immense Aufwertung erfährt der gemischte Regie-Eindruck durch das packende Dirigat von Will Humburg, eine Angelegenheit von angerauter, intensiver Schönheit. Da wird jeder Ton ausgehört, da wird über nichts hinweggegangen. Romantiker Wagner – angefangen mit dem fortgeschrittenen Duett der Pariser Fassung im ersten Akt – wird zum modernen Zeitgenossen. Dazu Herden- und Kirchenglocken, gelungene Fernorchester-Effekte.

Die Sänger kommen gut zurecht, Tuija Knihtilä als prächtige Venus, Edith Haller als Elisabeth mit wenigen Grellheiten, Pichlmaier als sonorer, beim Singen das Denken nicht einstellender Wolfram. Yilmaz lässt strahlende Durchschlagskraft zunehmend schmerzlich vermissen, bietet aber die Freuden eines schönklingenden, nicht grobschlächtigen Tenors. Auch die sängerische Vorbereitung des Chors: 1A (zuständig hierfür: Thomas Eitler-de Lint).

Staatstheater Darmstadt:
30. April, 14., 25. Mai, 15. Juni
www.staatstheater-darmstadt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare