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Ramon John (in grün) bei den Proben für den „Sacre“-Abend des Staatsballetts.

Interview

Tänzer Ramon John: „Ich finde Freiheit für mich selbst, wenn die Dinge klar sind“

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Der Tänzer Ramon John über die Freude an starken Choreografien, die harte Routinearbeit beim Ballett – und die Unlust, den Prinzen zu tanzen.

Ramon John , geboren und aufgewachsen im hessischen Fulda, wurde an der Abteilung Zeitgenössischer und Klassischer Tanz der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ausgebildet. Er gehörte sechs Jahre lang zum Ballettensemble des Saarbrücker Staatstheaters, ehe er 2016 zum Hessischen Staatsballett wechselte. Im vergangenen Jahr erhielt er für seine Rolle als Wanderer in Tim Plegges „Die Winterreise“ den Theaterpreis „Faust“. 

Herr John, es kommt nicht oft vor, dass ein Junge Tänzer werden will. Was hat Sie zum Tanz gebracht?

Meine Mutter eigentlich. Ich habe in einer Schautanz-Gruppe angefangen. Meine Mutter hat versucht, mich zu überreden, sportlich aktiv zu sein. Und hat mich damit zu locken versucht, dass diese Showtanz-Gruppe am Ende der Saison immer in einen Freizeitpark gefahren ist. Aber ich habe mich eigentlich immer viel bewegt, habe lange Handball gespielt. Und schon mit acht bin ich zu dieser Schautanz-Gruppe gekommen und habe später dort ein Mädchen kennengelernt, das klassisches Ballett gemacht hat. Sie hat mich dann irgendwann mitgenommen zu einer privaten Ballettschule in Fulda, dort habe ich trainiert, nicht sehr lange, bevor ich in Frankfurt an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gegangen bin.

Das scheint alles schnell gegangen zu sein.

Ja, das ging schnell. Mit 15 habe ich mit klassischem Ballett begonnen, mit 17 an die Tanzabteilung der Hochschule gewechselt.

Wo es meist einen ziemlichen Männermangel gibt und man sicher erfreut war.

Ja, in meinem Jahrgang waren wir vier. Es waren immer kleine Gruppen. Man hätte gern so um die zehn Studenten gehabt, aber es waren nie so viele Männer vorhanden. Doch für mich war es gut, viele Augen haben sich auf mich gerichtet, die Lehrer hatten Zeit, sich jedem Schüler zu widmen.

Dass Sie dabeigeblieben sind, kam das nur durch die Lust an der Bewegung?

Im Doppelabend „Le sacre du printemps“ mit Choreografien von Bryan Arias und Edward Clug ist Ramon John (bild) von Samstag an zu sehen. Zunächst im Staatstheater Darmstadt (5., 6. März, 30. April), ab 15. März außerdem in Wiesbaden. 

Ich mochte mich immer gern bewegen, auch zu Musik, das war immer eine große Leidenschaft.

Und Ihre Mutter fand auch nicht irgendwann, dass Sie es besser nicht zum Beruf machen sollten?

Nein, sie hat mich immer unterstützt, sie stand immer dahinter. Ich habe auch lange gesagt, dass ich das Tanzen gern als Hobby hätte. Es hat sich dann einfach anders entwickelt. Aber Fulda ist ja so klein und man ist dort so weit weg von der Vorstellung, dass es überhaupt Tanzkompagnien gibt, dass man das überhaupt beruflich machen kann, deswegen ist es mir gar nicht in den Sinn gekommen. Erst als ich dann einen Lehrer kennengelernt habe, der mir erzählt hat, in welchen Kompagnien er war und wie das alles funktioniert, dann erst habe ich darüber nachgedacht.

Was war das Wichtigste, das Sie jenseits der bloßen Technik an der Hochschule gelernt haben?

Was mich heute noch begleitet, ist, dass man sich kleine Geschichten ausdenkt für die tägliche Arbeit. das motiviert mich und hält mich am Ball, dadurch ist mir auch nicht langweilig. Wir müssen ja viel machen, das mit Routine zu tun hat. Und wenn man in dieser Routine versinkt, hat man irgendwann keinen Spaß mehr und entwickelt sich auch nicht weiter. Und schon im klassischen Unterricht sollte man immer was Neues finden, was Neues austüfteln.

Was sind das für Geschichten? Dass man sich überlegt, wen man darstellen könnte?

Ja, auch das. Oder dass man sich irgendwelche Körperreisen ausdenkt, ausschmückt, sich Dinge bunt malt. Das haben mir die Lehrer an der Hochschule mitgegeben. Man greift es natürlich auch immer wieder bei der Rollenentwicklung auf, dass man also seine Fantasie spielen lässt und einen Charakter kreiert. Einen Charakter, der eine Vorgeschichte, eine Vergangenheit hat, eine Zukunft. Obwohl das dann nicht auf der Bühne sichtbar ist, aber es ist das Zentrum, es macht das Kunstwerk aus.

Sie müssen als Tänzer ja auch bis zu einem gewissen Grad schauspielern können. Haben Sie da auch Unterricht gehabt

Nein, das hatten wir nie. Der Unterricht an der Hochschule war zwar vielfältig, wir hatten auch ein bisschen Stimmbildung und Gesang, aber Schauspielunterricht nicht.

Was machen Sie besonders gern, welche Rollen? Ist zum Beispiel der „Wanderer“ in Tim Plegges „Winterreise“-Ballett für Sie eine ideale Rolle gewesen? Sie haben ja auch den „Faust“-Theaterpreis dafür erhalten.

„Was mich heute noch begleitet, ist, dass man sich kleine Geschichten ausdenkt für die tägliche Arbeit. Das motiviert mich und hält mich am Ball. Schon im klassischen Unterricht sollte man immer was Neues finden, was Neues austüfteln“. 

Ramon John

Schwer zu sagen. Aber ich mag es gern, wenn man mich herausfordert mit etwas, das mir nicht so liegt. Aber der „Wanderer“ war wirklich nahe bei mir. Tim ist stark auf mich eingegangen, hat mich trotzdem noch herausgefordert. Auch die Struktur des Stückes, bei dem man anderthalb Stunden auf der Bühne ist, war eine Challenge. Aber ich konnte mich damit identifizieren, mit dem Weg, mit dieser Reise, der Frage, wo man hingehört. Die Bewegung dazu kam einfach ganz natürlich, von Herzen. Aber auch Oberon (in Tim Plegges „Sommernachtstraum“, d. Red.) tanze ich liebend gerne, der auf der Bühne ziemlich abstrakt sein kann, wo man kein menschliches Wesen sein muss.

Würden Sie denn auch gern mal einen klassischen Prinzen tanzen?

Nein, da bin ich auch nicht der Typ dafür und froh darüber. Der Prinz, das muss nicht sein (lacht).

Es gibt sicher Choreografen, mit denen man lieber arbeitet als mit anderen. Was muss ein guter Choreograf mitbringen, soll er Ihnen Freiheit lassen?

Nein, ich mag es eigentlich sehr gerne choreografiert. Ich finde Freiheit für mich selbst, wenn die Dinge klar sind, die Ideen, die Richtung, in die es gehen soll. Man findet immer Momente, in denen man sehr stark man selbst sein kann. Ich lerne gern ein Handschrift und eine Technik, möchte etwas mitnehmen von anderen Menschen. Dazwischen gibt es natürlich Momente, in denen man sagt: Jetzt möchte ich machen, was mir gefällt. Aber das hält bei mir nicht lange an, ist nur mal ein Ausbruch, und dafür gibt es hier die kleinen Projekte, in denen wir die Möglichkeit haben, selbst zu choreografieren. Aber ich bin eigentlich immer froh, wenn ich zu einer starken Choreografie, einer starken Ästhetik zurückkehren kann.

Sie haben auch schon choreografiert, möchten Sie das ausbauen?

Ich mache das im Rahmen der „Junge Choreografen“-Abende, es macht mir Spaß, aber ich weiß nicht, ob ich mir das als Beruf vorstellen kann. An einer Handlung zu arbeiten, einem Erzählstrang, das liegt mir nicht so sehr. Bei den „Jungen Choreografen“ sind es maximal zehn Minuten, da konzentriert man sich auf eine Konstellation.

Als Tänzer muss man allerdings früh darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Ob man in Richtung Choreografie gehen soll.

Ja, auf jeden Fall, das ist auch eine Richtung, die vielleicht irgendwann passt. Man muss darüber nachdenken. Auch andere Jobs am Theater sind naheliegend, Ballettmeister, Probenleitung, solche Sachen. Aber vorerst würde ich gern noch tanzen.

Der „Sacre“-Doppelabend hat jetzt Premiere. Die Nijinsky-Choreografie gehörte an der Hochschule sicher zum Unterrichtsstoff.

Ich habe schon in Saarbrücken ein „Sacre“ getanzt, von Marguerite Donlon. Es ist immer wieder aufregend und toll, an der Musik zu arbeiten, weil sie so ausdrucksstark ist. Und Bryan Arias macht etwas ganz anderes daraus. Es steht zwar am Ende auch eine Person, das Opfer im Mittelpunkt, aber jeder Tänzer gibt hier etwas von sich. Es ist eine kleine Opfergabe von jedem, das könnte die Idee dahinter sein.

Würden Sie das berühmte „Sacre“ von Pina Bausch auch gern mal tanzen?

Oh, ja. Gerade ihr „Sacre“ ist besonders. Ich habe es in Wuppertal gesehen, da kommt eine ungeheure Energie rüber. Es muss sehr befriedigend sein, das zu tanzen.

Haben Sie auch als Junge schon angefangen, Tanzstücke anzuschauen?

Nein, das geschah tatsächlich erst an der Hochschule. Ich war dann im Anschluss an die Ausbildung als Tänzer in Saarbrücken, dort war es etwas schwierig, weil es dort nicht viel zu sehen gibt. Aber in Frankfurt, im Rhein-Main-Gebiet, gibt es ja unglaublich viel, ein großes Angebot. Auch Ludwigshafen ist nah, da gucken wir uns regelmäßig Sachen an.

Gibt es einen Choreografen, eine Choreografin, mit der Sie unbedingt mal arbeiten möchten?

Ja! Sharon Eyal. Wir hatten gerade eine Woche frei, da habe ich bei ihr einen Workshop gemacht. Man sieht etwas, es gefällt einem, aber man weiß da ja noch nicht, wie es sich anfühlt. Aber es hat sich gut angefühlt, es hat Spaß gemacht. Eine Tänzerin hat versucht, uns so viel wie möglich beizubringen, und es war unglaublich anstrengend. Es waren 14 von 50 Stück-Minuten, und man atmet durch. Aber die Erfahrung eines solchen Stückes einmal zu machen, das wäre schön.

Interview: Sylvia Staude

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