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Verschlungene Körper in "nicht schlafen" von Alain Platel.
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Verschlungene Körper in "nicht schlafen" von Alain Platel.

Maifestspiele Wiesbaden

Der Tod und die Tänzer

Alain Platels "nicht schlafen" bei den Maifestspielen in Wiesbaden.

Körperliche Gewalt bewegt sich unter Umständen in der Nähe der Alternative, stattdessen zu tanzen. Dass das in der Realität niemals eintrifft, widerspricht der Möglichkeit nicht. Der Zufall will es, dass der israelische Puppenspieler Ariel Doron das soeben bei den Wiesbadener Maifestspielen vorgeführt hat (in seinem wunderbaren winzigen Stück „Plastic Heroes“). Und dass jetzt auch der erste Tanzabend der Festspiele sich in solchen, freilich ganz fantastischen Grenzregionen bewegt. Das jüngste, 2016 uraufgeführte Stück des Belgiers Alain Platel und seiner Truppe Les Ballets C de la B heißt „nicht schlafen“ und ist nicht unbedingt das, was Besucher der Maifestspiele erwarten. Einmal knallte eine Logentür überdeutlich, die Herzlichkeit des Schlussbeifalls war trotzdem noch deutlicher.

Platel interessiert sich in seiner neuer Arbeit erklärtermaßen für die taumelige, nervöse Gefühlslage der Belle Epoque vor dem Ersten Weltkrieg, der sich im Bühnenbild der Künstlerin Berlinde De Bruyckere allerdings bereits im fortgeschrittenen Stadium zu befinden scheint. Die präparierten, Lebewesen ganz fremd gewordenen Pferdekadaver signalisieren das wie das milchig graue Licht. Es könnte aber auch eine Stätte für rituelle Handlungen sein. Die Männer und die eine Frau, die hier wie von ungefähr auftauchen und im ersten Moment vielleicht tatsächlich ein Ritual erwarten lassen, geraten nicht nur in Streit, sondern reißen sich bald auch gegenseitig die Kleider kaputt.

Wem von einem sehr guten Platz aus die Komik ins Auge fällt, dass es nicht einfach ist, Kleider zu zerreißen (obwohl die Stücke dafür vorbereitet sein dürften), liegt nicht so falsch. Immer wieder in den folgenden hundert Minuten lässt Platel sein alertes und starkes Ensemble (jeder kann anscheinend jeden tragen, auch die Frau zögert nicht) mit Übergängen spielen: Von archaischer Gewalt zur Gockelpose, von der Panik zum spaßigen Aufschrecken, vom Kampf zur Tanzbewegung. Und umgekehrt. Die Tänzer, die nicht übergehen, dass sich arabische, afrikanische und westliche Welt treffen, machen sich über die Zivilisiertheit des Balletttanzes lustig, aber es ist ein liebevoller Spott, der den hundert Minuten die schönsten Momente schenkt. Insgesamt tritt manches auf der Stelle, um sich dann doch zu einem fabelhaften orgiastischen und extrem lebenszugewandten, ja glücklich machenden Ende hinzuarbeiten.

Musikalischer Ausgangspunkt waren Sequenzen aus Gustav-Mahler-Sinfonien – die Musik zur Vorkriegszeit –, die unglaublich gut zu dem ebenfalls verarbeiteten afrikanischem Gesang passen (musikalische Leitung: Steven Prengels).

Wie aber kann es so eng beieinander sein, die Pirouette, das zärtliche, aber bestimmte Eindringen in den Zuschauerraum und das Abschlachten eines Mannes? Platel erklärt nicht, aber er zeigt.

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