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Vor rotglühend verfärbter Landschaft: Sera Gösch als Salome.

„Salome“

Das Tablet der sieben Schleier

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„Salome“ bemüht im Wiesbadener Staatstheater wieder einmal eine Bildschirm-Ästhetik.

Wüsten-Soldateska, Gebetsschal-Juden, modernes Party-Publikum samt Glamour-Girl mit herrschaftlich gewandeter Mutter und Stiefvater in Gesellschaftslöwen-Kluft: In der Wiesbadener Neu-Inszenierung von Richard Straussens „Salome“ werden grundstürzende Deutungsperspektiven vermieden. Keine Feier nietzscheanischer Entriegelung der Zivilisations-Domestikation, kein Ausleben frühkindlicher Gewalterfahrung durch den Stiefvater, keine gewalttätige Kompensation gelangweilter Jeunesse dorée. Alles verbleibt im Mezzo-Bereich und das obendrein ohne Interaktion zwischen den eigentlich in leidenschaftlicher Befangenheit sich bewegenden Protagonisten des Oscar-Wilde-Stücks, das Strauss 1905 in einer Übersetzung Hedwig Lachmanns selbst librettierte.

Was die Aufführung im Großen Haus des Staatstheaters auffällig machte, war die Entscheidung der Regie von Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil für eine hyper-mediale Visualisierung. Über zwei, weite Teile der Rückfront des kreisförmigen Bühnenrahmens einnehmende Bildschirme läuft entweder in Großaufnahme das auf der Bühne stattfindende Geschehen, gefilmt von einem Kameramann mit klassischer Ausrüstung. Oder es erscheinen Bildsequenzen einer rotglühend verfärbten Landschaft, wie sie auf dem amerikanischen Kontinent zu finden ist. Menschenleer – als Lebewesen sieht man gegen Ende nur vorüberhuschende Insekten. Der Mond taucht auch in dieser gleißend-trostlosen, endzeitlichen Wirklichkeit auf – hier kommt auch ein Teleskop ins Spiel.

Echt und fesselnd war wenigstens das Dirigat

Die Zisterne mit dem gefangengehaltenen Jochanaan steht als mobiler Gefängnis-Container auf der sich langsam drehenden Bühne. Die Kamera filmt das Innere und zuletzt auch die Herrichtung der Enthauptung, die eher einer elektrischen Hinrichtung gleicht. Bei dieser entscheidenden und einmaligen, unsichtbaren Szene, wo durch deren geräuschhafter Anwesenheit die Akteure mit den Zuhörern im selben Erwartungsdruck unmittelbarer Betroffenheit stehen, wird der Unsinn der pseudo-aktuellen Mediengestaltung dieser Inszenierung auf die Spitze getrieben.

Jeder bessere Event-Designer hat daran mittlerweile zu knabbern: dem Originalitätsverlust von Ereignishaftigkeit bei Massenveranstaltungen durch deren mediale Vergrößerung und Verdoppelungsprojektion. In Wiesbaden wird, ohne jede Notwendigkeit, gänzlich sinnfrei und mit medienkritischer Treuherzigkeit zum Schaden der Rezeption das Alleinstellungsmerkmal von Oper über Bord geworfen. Entsprechend belanglos der eigentlich nervenzerrende Schluss, belanglos der mittels Tablet von Herodes konsumierte Tanz der sieben Schleier.

Echt und fesselnd war das Dirigat von Patrick Lange, dem mit dem Hessischen Staatsorchester eine großartige Strauss-Darbietung gelang. Präsent, vollkommen unpoltrig, mit wunderbar aufgehenden, dichten und schön geformten Melodiebögen, ziselierter Ornamentik und Transparenz. Der Generalmusikdirektor Wiesbadens hatte, wie es sich für seinen Titel gehört, wahrhaft alles im Griff und schuf perfekte Verbindung zu den Solisten, bei denen die herausragende Stimme diejenige Thomas de Vries’ als stimmgewaltiger, aber nicht bleckender Jochanaan war. Gefolgt von dem starken Profil der Stimme Frank van Akens als Herodes, mit der Andrea Baker auf Augenhöhe war. Sera Gösch in der Rolle der Titelfigur hielt wacker durch mit metallischen Höhen und Intonationsfestigkeit.

Staatstheater Wiesbaden: 21., 24., 27. Februar. 2., 7., 10., 15., 28. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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