feu_switzerland_c_Kaufhold_
+
Sie weiß ein gutes Messer zu schätzen.

English Theatre

„Switzerland“: Die furchteinflößende Miss Highsmith

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Das English Theatre lockt mit dem kleinen Psycho-Thriller „Switzerland“.

Unfreundlich, unwirsch, verschlossen soll die US-amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith gewesen sein. Man führte es zurück auf ihre schwierige Kindheit: neun Tage vor ihrer Geburt ließen sich die Eltern scheiden, sie wurde erstmal umstandslos zur Großmutter abgeschoben, ihre Mutter soll unfähig gewesen sein zu einer liebevollen Beziehung. Die australische Dramatikerin Joanna Murray-Smith lässt sie in „Switzerland“ – Highsmith lebte später in Europa und starb 1995 in Locarno – außerdem mehr als nur fasziniert sein von einem zünftigen Mord, so fasziniert nämlich, dass sie auch selbst bereit wäre, zur Tat zu schreiten (und hat sie nicht eine schöne Waffensammlung?). Allerdings: vielleicht existiert der junge Verlagsangestellte, der sie in der Schweiz besuchen kommt (der Verlag möchte, dass sie eine Ripley-Fortsetzung schreibt), nur in ihrer Fantasie. Oder die Geschehnisse werden in dem Moment Fantasie, oder eher Wahnvorstellungen, als der harmlose Edward Ridgeway sich in Ripley verwandelt.

Zwei bedeuten wenig Gefahr

Das English Theatre in Frankfurt beginnt die neue Saison mit „Switzerland“ und will das Zwei-Personen-Stück bis in den November laufen lassen: Zwei vorsichtige Darsteller minimieren erheblich das Risiko, wegen einer Corona-Ansteckung im Ensemble schließen zu müssen.

Tom Littler hat für einen geschmeidigen Ablauf gesorgt – das angelsächsische Theater hat in der Regel auch keine anderen Ambitionen. Es handelt sich bei „Switzerland“ im Grunde auch um ein Konversationsstück, das nach genau dieser Geschmeidigkeit verlangt. Mit dem Florett treten Highsmith und Ridgeway/Ripley, Karen Ascoe und Daniel Burke, gegeneinander an, viele Sätze sind Treffer, unblutige, aber auch blutige bzw. richtig böse. Und wenn man bedenkt, dass die beiden Darsteller wenig mehr dürfen als sitzen, herumstehen, die tollen alten Waffen betrachten, ein Bier holen, dann halten sie den Dialog-Ball und damit auch die Spannung fein in der Schwebe.

Einen schicken Chalet-Raum hat Neil Irish entworfen. Hinten geht der Blick auf ein verschneites Tal, auf schroffe Gipfel, vorne züngelt ein Kaminfeuer. Nicht nur für alte Waffen, auch für einen Giacometti scheint es bei Miss Highsmith gereicht zu haben. Und sie hat präzise Vorstellungen davon, was sie von dem jungen Mann, wenn er sie denn schon belästigen kommt, mitgebracht haben möchte: karierte Hemden, Campbell-Suppe (was, nur sechs Dosen?), Erdnussbutter – und ein ganz besonderes Messer.

Ganz so schlimm, wie Patricia Highsmith hier gezeichnet wird, dürfte sie nicht gewesen sein. Aber wohl eine Meisterin eleganter Bissigkeiten. Mit dem größten Vergnügen hört man Karen Ascoe dabei zu, wie sie ihren Besucher zu einer Schnecke macht, ähnlich jenen, die sie als Haustiere hält.

English Theatre , Frankfurt: bis 8. November. www.english-theatre.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare