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In Marie Chouinards „Le Chant Du Cygne: Le Lac“ skandieren die Schwäne ein feministisches Lied. Foto: Jeanette Bak
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In Marie Chouinards „Le Chant Du Cygne: Le Lac“ skandieren die Schwäne ein feministisches Lied.

Tanz

„Swan Lakes“ im Stuttgarter Theaterhaus: Ausgelassene Schwäne, zornige Schwäne

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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In Stuttgart hat Gauthier Dance schnell einen prächtigen Tanzabend auf die Beine gestellt: „Swan Lakes“ bringt Choreografien von Cayetano Soto, Marie Chouinard, Marco Goecke und Hofesh Shechter.

Das Projekt „Swan Lakes“ – man beachte den Plural – ausbaldowert und die vier Mitwirkenden gewonnen hatte Eric Gauthier, Leiter der gleichnamigen Company am Stuttgarter Theaterhaus, bereits für einen Termin im vergangenen Sommer. Glück war es jetzt, dass die drei Choreografen und eine Choreografin nun einige Wochen in diese Arbeit stecken konnten, so dass der mit Pause zweieinhalbstündige Abend mit etwa einem Jahr Verspätung entstehen und Premiere haben konnte – mit ausgedünntem, aber immerhin Publikum. Auch hat der Sender 3sat „Swan Lakes“ schon aufgezeichnet, Ende August wird der Vierteiler ausgestrahlt.

Eric Gauthier hielt am Sonntagabend eine launige kleine Rede, in der er erklärte, dass er den vier Eingeladenen in Bezug auf den „Schwanensee“-Stoff alle Freiheit der Welt gegeben habe. Die haben sie sich auch genommen, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen, mit einem Bewegungswirbel allesamt, in dem man das Schwänische nur sparsam hervorblitzen sieht. Aber dann mit umso mehr Freude an der Entdeckung und der Interpretation.

Der Spanier Cayetano Soto hat eine Tafel mit Sekundenzähler (Viertelsekundenzähler, Zehntelsekundenzähler) auf die Bühne gestellt, auf der die 20 Minuten Stückdauer rückwärts rasen. Nicht leicht zu erraten ist, dass es in „Untitled For 7 Dancers“ um das Thema Verwandlung geht, dass sich hier Menschen, insgesamt sieben Tänzerinnen und Tänzer in schicken schwarzen, leicht durchsichtigen Ganzkörperanzügen (Kostüme: Soto, Dario Susa), in Schwäne verwandeln. Da gleitet eine Tänzerin auf dem Bauch zu Boden, ruht dann majestätisch. Da spreizt eine die Ellenbogen nach oben, das könnten auch gebrochene Flügel sein. Da sind überhaupt ziemlich viel Zierlichkeit und Detailliertheit, Eleganz, Geschmeidigkeit. Alles ist dunkel grundiert, auch die feinziselierte Musik Peter Gregsons, aber keineswegs meint man, da wirke ein böser Zauberer im Hintergrund. Es ist Nacht an Cayetano Sotos Schwanensee, es passieren eher geheimnisvolle als dramatische Dinge.

Nicht ohne Stolz kündigte Eric Gauthier „Le Chant Du Cygne: Le Lac“ von Marie Chouinard an: Die Kanadierin choreografiert normalerweise nicht für fremde Ensembles. Sie gehört außerdem zu denen, die auch das Bühnen- und das Kostümdesign in die eigene Hand nehmen; letzteres ist bei Chouinard ein Fall und eine Aussage für sich, oft bunt, ohne harmlos zu sein, eher grotesk, fantastisch, skurril.

Sie hat mit den acht Tänzerinnen des Gauthier-Ensembles gearbeitet, sie in steife Tutus und unter silbrigweiße Struwwel-Perücken gesteckt, eine ihrer Hände in eine Vorrichtung geschnürt, die einen Spitzenschuh, einen Schnabel, auch einen Penis assoziieren lässt. Ein Fuß der Tänzerinnen ist barfuß, am anderen tragen sie einen Spitzenschuh, so dass sie auch etwas leicht Versehrtes haben. Dank Kontaktlinsen sind ihre Augen durchdringend, unmenschlich blau.

Die 1955 geborene Kanadierin trägt mit ihrem Schwanen-Gesang ein politisches, ja feministisches Stück zu diesem Abend bei, einen Gegenentwurf zur klaglos leidenden und aufopferungsvoll liebenden Vogel-Frau des Originals. Diese Frauen mögen bedroht und verletzt sein, aber Kämpferinnen sind sie allemal: Wie Raubtiere schleichen sie beim ersten Auftritt herein, hinter ihnen lodert ein (Video-)Feuer. Einen Text des chilenischen Performance-Kollektivs Lastesis skandieren Chouinards Schwäne zwischendurch, sich zum zornigen Chor formierend: Das Patriarchat wird darin angeklagt, das sich zum Richter aufschwingt, es geht um Gewalt gegen Frauen, um Femizid, eine Art Refrain ist „Der Vergewaltiger bist du“ – Finger deuten ins Publikum. Doch trotz eindeutiger Botschaft schillern Chouinards Schwäninnen.

Dagegen sind Marco Goeckes offenbar um den russischen See Shara Nur und zur Musik Björks versammelte Vögel auf die für diesen Choreografen spezifische Weise scheu, nervös, hektisch. Männer wie Frauen tragen dunkle Hosen und rosa Rüschenhemden (Kostüme & Bühne: Michaela Springer), eher hält man sie für Rotkehlchen als Schwäne. Weit spreizen sie oft die Hände. Zum Abheben genügt das nicht, es sei denn, sie fassen ihrem Gegenüber zitternd und zart in den Schritt.

Hofesh Shechters „Swan Cake“ beendet den Abend auf einer hellen, aber keineswegs leichtgewichtigen Note. Der einstige Musikstudent hat einen Soundtrack komponiert, dessen Rhythmen und chorischen Loops man nicht widerstehen kann (und als Ohrwurm mitnimmt in die Nacht). Seine kunterbunt eingekleideten Schwäninnen und Schwäne feiern Party, geben sich einem wilden Wirbel hin. Sie wippen und wedeln, ballen sich und stieben auseinander, sind biegsam und gut gelaunt. Schwanen-Gesten sind dabei eine spielerische Zugabe. Wenn Arm und Hand etwa als langer Hals und Schnabel erscheinen, denkt man an einen vorlauten Comic-Vogel. Eine solche Energie versprüht „Swan Cake“, dass danach jemand „Zugabe“ ruft. Doch ist das Ensemble zwar glücklich, aber auch erschöpft.

Theaterhaus Stuttgart: 3., 4. Juli. Ausstrahlung „Swan Lakes“ auf 3sat am 28. August, 21 Uhr.

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