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Judith Altmeyer und fünf Anruferinnen.

Mousonturm

Susanne Zaun: Der einzelne ist auch nur ein reduzierter Chor

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„Zaungäste“-Monologe im Frankfurter Mousonturm: „Diesmal machen wir alles allein“.

For the many, not the few“ lautet ein Polit-Slogan der Briten, der sich glatt vom Theater-Urknall griechische Tragödie mit ihren Helden hier und Chören der „polloi“ (Vielen) dort ableiten ließe. Im Chorbegriff stecken halt schon die Demokratie und der gebändigte Protagonist. Wenn sich Susanne Zaun und Marion Schneider in ihren Frankfurter Kooperationen „Zaungäste“ nennen und immerzu am Chor arbeiten, spielt auch dabei etwas Theater-, Sprach- und Gesellschaftskritisches hinein. Grundidee jetzt ist der Chor ohne Chor, Untertitel: „Ein Chor vereinsamt“.

Ihre je fünf Solosprecherinnen zweier Abende stehen sonst als Chor zusammen auf der Bühne. Nicht diesmal: das Zugleich löst sich ins Nacheinander auf. Los geht es, nach kurzer Präsentation, im Hauptsaal des Mousonturms mit Katharina Runte, die sich frontal zu uns alle ein, zwei Minuten sehr angespannt ein Sätzlein über ihre Leiden abringt. Es sind die der Choreutin, die es zur Solistin macht: „Das ist auch mega anstrengend so allein“.

Es folgt Judith Altmeyer mit der ersten Telefon-Nummer, wiederum selbstironisch. Laut Peter Szondi ist das Telefon ja der Tod des Dialogs, was sich bestätigt. Fünf Handys nebst Mikros machen Live-Stimmen abwesender Anruferinnen hörbar und rücken quasi unsere Kommunikationsformen aus der S-Bahn ins Zentrum, bis sich Altmeyer unter der Discokugel in „einsamen“ Schlagergesang flüchtet.

Weiter geht’s im vierten Stock. Im Studio hängt Katharina Speckmann am imaginären Telefon fest. Frontal zum Publikum unternimmt sie Dutzende Sprech-Anläufe: Bewerbungen, Kurzvorstellungen, Anfragen, Netzwerkerei, Schönfärberei, Reservierungen, Höflichkeiten, Abbrüche. Eine Identitäts-Prostitution ohne Ende als Normalität bizarrer Zeiten: so 1-sam 1-seitig modern sah man Sisyphos („Ich müsste auf der Liste stehen“) selten an seinem Rolling Stone. Es ist der, sozusagen, tragische Solilog im axialen Zentrum unser aller Nichtkommunikation.

Das erleichternde Moment liefert Ekaterine Giorgadze nach. Die kam als Kind aus Georgien und erzählt mit Videos aus ihrer Zeit als Kinderstar im georgischen Fernsehen der 90er, nicht ohne uns als „Tomada“-Toastmaster durchs Festmahl zu führen, zuletzt mit georgischem Wein vom Wägelchen aus Akt I. Humor und Komik hat das, weil sie um so mehr preisgibt, je entschiedener sie bekundet, über ihre Sendung „Basti Bubu“, den nervig-tollen Ehemann und Georgien schweigen zu wollen. Wittgenstein auf Georgisch: Wovon du nicht sprechen kannst, davon musst du nicht gleich schweigen. Anna Zent in Eine-Welt-Socken beschließt den Abend und listet „alle“ Menschen auf, die sie je kannte, gibt nähere Auskunft und beschriftet nebenher DIN-A4-Blätter.

Die fünf Monologe funktionieren wie Akte, und wenn das letzte Stück an Tag 2 ausgetauscht wird, geben die fünf, nein sechs Frauen dem männlichen Fünfheber à la Shakespeare seine weiblich-alexandrinische Abrundung. Um nur eins der vielen Gedankenspiele einzustreuen, die das anregt.

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