In Brittens WIldem Westen: Sydney Mancasola (l.) und Michael McCown.
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In Brittens WIldem Westen: Sydney Mancasola (l.) und Michael McCown.

Oper Frankfurt

Superman schlägt Holz

Eine Entdeckung: Benjamin Brittens selten gespielter „Paul Bunyan“ mit der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Amerika! Die Oper, die das schwarze Amerika zum Singen bringt, heißt „Porgy and Bess“ und stammt von George Gershwin. Das Amerika der weißen Siedler – Holzfäller, Farmer – und ihrer Träume heißt „Paul Bunyan“ und wurde nur ein paar Jahre später in musiktheatralische Form gebracht von zwei Engländern: Wystan Hugh Auden und Benjamin Britten. Aber nach der New Yorker Uraufführung von 1941 machte dieses Werk nur eine schüttere Karriere, weit zurückbleibend hinter den meisten anderen Bühnenstücken Brittens. Höchste Zeit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine besonderen Qualitäten zu entdecken.

Amerika! In „Paul Bunyan“ erkennt man unmissverständlich Elemente einer „Volksoper“; die jetzige Frankfurter Erstaufführung wird gar als „Operette“ annonciert. Da darf man aber nicht an leicht verstaubt skandalöse Amüsements aus dem Adligenmilieu denken. „Paul Bunyan“ ist ein erzdemokratisches Sujet. Manchmal nähert sich auch die Musik dem „Mahagonny“-Tonfall und seinen Bissigkeiten, Schmissigkeiten. Um dann aber auch wieder abzukippen ins Träumerische, Poetische, Mythische. Mit seinen Unentschiedenheiten und Ambivalenzen machte das Stück sich’s schwer. Amerika? Die kritischen Stimmen wollten wohl entweder Jubel oder entschiedene Kapitalismus-Anprangerung. Entweder Schwung und Optimismus oder ätzenden Pessimismus. Beides ineinander vermengt, das mag auch heute noch irritieren. Man muss länger hinschauen, um das als besonderen Wahrheitsgehalt zu erkennen.

Wer ist Paul Bunyan? Ein tatsächlich unter den Pionieren und Holzfällern erdachter Superman von enormer Größe und Kraft. Als mythische Figur des aufkommenden Industriezeitalters verfügt er nicht über übernatürliche Fähigkeiten, sondern ist bloß ein ins Superlativische gesteigerter „normaler“ Mensch. Folgerichtig verwickelt er sich in ganz normale Ehestreitigkeiten. Immerhin gibt er auch höhere Weisheiten von sich. Sein missionarisches Eifern wird bei Auden indes immer auch wieder konterkariert durch ins Surreal-Bizarre gelenkte Parolen und Pathosformeln. In den Wäldern des Wilden Westens webt es also von Sanskrit, Platon und D-Dur-Sonaten, und unüberhörbar wird eine (zur Entstehungszeit des Stückes) hochaktuelle Flüchtlingserinnerung aus Deutschland zitiert. W. H. Auden, der Komponisten wie Strawinsky („The Rake’s Progress“), Leonard Bernstein („The Age of Anxiety“) und Henze („Elegie für junge Liebende“, „Die Bassariden“) inspirierte, war ein großer Dichter, der sich auch hier nicht unterforderte.

Amerika, eine Utopie

Amerika? Die Figur Paul Bunyan symbolisiert bei Auden erst recht ein für alle erstrebenswertes Wunschbild von Stärke und Übermaß, dessen dunkle Unterseite freilich ebenso deutlich Schrecken und Warnung enthält. Amerika, mehr noch als in Franz Kafkas anderthalb Jahrzehnte früherem Romanfragment eine Utopie. Ein Vexierbild. Geradezu prophetisch, dass es die im Stück auftretenden Tiere sind (zwei Katzen und ein Hund, Koloratursopran und zwei Mezzosoprane), die mit grelldunkel raunenden Sprüchen den ökologischen Raubbau antönen. (Die Regie lässt die Tiere am Schluss noch ein wenig länger auf der Bühne verharren, nachdem es die Menschen schon fortgeweht hat – eine trüb tiefsinnige Maßnahme).

Wie bei anderen szenischen Werken Brittens (vor allem seinen Kirchenopern) paart sich scheinbare musikalische Simplizität im „Bunyan“ mit einer das Guckkastenprinzip überschießenden dramaturgischen Energie. So war die Entscheidung richtig, das Werk statt im Frankfurter Opernhaus im Bockenheimer Depot mit seinen variablen, weniger definierten Raumproportionen (tendenziellen Unendlichkeiten) zu spielen. Diese musikalische Amerikalegende mobilisiert erstaunliche Darstellermengen. Rund dreißig Choristen wirken mit (souverän einstudiert von Ines Kaun) und ebenso viele Vokalsolisten. Da gibt es allerlei zu mobilisieren, zu platzieren, zu arrangieren. Der auch mit Britten bestens vertrauten Regisseurin Brigitte Fassbaender gelangen lebendige, quirlige, temporeiche Tableaus. Doch mit präzisem Gespür für die Gewichtungen des Stückes geriet Tempo nicht zum Selbstzweck, und atemberaubende Revue-Virtuositäten reihten sich eben nicht nahtlos aneinander, sondern ließen immer wieder Ruhezonen für nachdenkliche oder skurrile Einzelheiten.

Ingeniös das Bühnenbild von Johannes Leiacker: ein Ensemble unterschiedlich vergrößerter Campbell’scher Suppenbüchsen (wie sie durch Andy Warhol kunstfähig wurden), verbeult oder rissig lädiert, hängend oder wie im Bühnenboden eingewachsen. Die Holzfällersphäre der Wald- und später Weihnachtsbäume zeigte sich etwas peripherer. Raffiniert aufwändige Kostüme mit Pionierzeit-Assoziationen von Bettina Munzer. Schon der Anfang des Stückes ein inszenatorischer Coup mit den wie in kindlichem Staunen in eine Neue Welt seitlich eintretenden und erstarrenden Pilgervätern.

Vexierbild wie so oft ist auch hier Benjamin Brittens Musik. Sie scheint sich im Einfachen, schlicht Tonalen, Volksliedhaften einzuschleichen und zu ergehen, weicht aber dann unversehens ins Dunkle, rätselhaft Insistierende aus, entwickelt dabei einen geheimnisvollen Sog. Hymnisch Plakatives wird planvoll durchlöchert. So gerade in der Schlussphase des Werkes, wo weihnachtliche Festesfreude nach und nach zerfleddert wird und im Vagen und Beklommenen endet.

All das eine immense Organisations- und Koordinationsleistung, die brillant gemeistert wurde, insbesondere vom Hauptdirigenten Nikolai Petersen und dem mittelgroß (auch mit spezifisch „amerikanischen“ Timbres) besetzten Orchester. Unter den vielen Solorollen besonders profiliert: der „intellektuell“ markierte Inkslinger mit dem fein nuancierenden Tenor Michael McCown, der bramarbasierend machohafte Hel Helson (John Wayne ist nichts dagegen) des Baritons Sebastian Geyer, das verliebte Paar Tina und Slim (Elizabeth Sutphen, Michael Porter) und, nicht zu vergessen, die klugen und witzigen Tiere: Sydney Mancasola als Hund Fido und Julia Dawson & Cecelia Hall als Moppet und Poppet, die Katzen.

Britten, der Pragmatiker, konnte immer auch seinen Personalstil verleugnen und, zum Beispiel, perfekte Countrymusik schreiben – wie hier für den „Erzähler“ (Biber Herrmann mit zünftigem Organ und Gitarre). Der Monsterbunyan war natürlich nicht auf die Bühne zu bringen – er agierte auch diesmal verdächtig patriarchalisch als „Stimme des Herrn“ aus einem gruslig vergrößerten, von der Videokamera belebten Holzgesicht.

Oper Frankfurt: 11., 12., 14., 16., 19., 21., 22. Oktober. www.oper-frankfurt.de

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