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Lehrer werden hier allemal auf den Arm genommen. Szene aus "Die Feuerzangenbowle" bei den Festspielen Heppenheim.

„Feuerzangenbowle“ in Heppenheim

Das sumpfliebende Nashorn

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„Die Feuerzangenbowle“, frisch wie am ersten Tag, bei den Heppenheimer Festspielen. Auch wenn der Abend eine Zeitenwende darstellt.

Die im Deutschland des Kriegsjahres 1944 unheimlich erfolgreich verfilmte Komödie „Die Feuerzangenbowle“ passt nicht nur ohnehin gut in den Kurmainzer Amtshof. Denn das schmucke Städtchen Heppenheim sieht ungefähr so aus wie das fiktive Babenberg, in dem die Handlung spielt, dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung weitgehend urvertraut.

Es gibt aber auch eine direkte Verbindungslinie zwischen Ort und Film: Dort hatte Hans Richter (1919-2008), der 1974 die Heppenheimer Festspiele gründete, als ungezogener Schüler Rosen einen erfolgreichen Auftritt.

Insofern liegt Melancholie über dem Eröffnungsabend. Er beendet eine jahrzehntelange Strecke, in der es den Festspielen – einem kompakten, zutiefst familiären Unterfangen – irgendwie immer noch gelang, Eigenproduktionen auf die Beine zu stellen. Hinfort werden auch hier Inszenierungen eingekauft werden. Axel Schneider – dem Heppenheimer Publikum wohlbekannt – hat seine „Feuerzangenbowle“ für das Altonaer Theater in Hamburg vorbereitet und die Produktion nun im Amtshof neu einstudiert.

Sehr liebevoll einstudiert, muss man sagen. Und für die Sprechgewohnheiten und Dialekte der Feuerzangenbowlen-Lehrer kann er schließlich nichts, auch wenn die benachbarte Hessin einmal ausrief: „Isch versteh ka Wott.“

Im Großen und Ganzen ist freilich jeder im Bilde, wenn sich die Geschichte – nach dem Roman von Heinrich Spoerl – anbahnt und Dr. Pfeiffer, der smarte bürgerliche Schriftsteller, wie er Filme und Romane in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig belebte, ein Schüler-Käppchen aufsetzt und den Ranzen unter den Arm klemmt. In Heppenheim ist das der muntere Dietmar Horcicka, der fortan gewissermaßen über den Ereignissen schweben wird. Er kann sie logischerweise nie wirklich ernst nehmen.

Ein Heringsschwarm schwärmt

Fast interessanter sind darum die Mitschüler als äußerst plausible Combo besinnungslos pubertärer Bengel, laut und frech – bodenlos dabei ja das Witzniveau. Ein handverlesenes Trüppchen von Schlaksen, für die Schneider ungemein amüsant Rituale des Wegduckens und Hinwendens entwickelt hat, ein Heringsschwarm, der gemeinsam leidet, lechzt und eben auch schwärmt.

Zauberhaft gelingt die Ausgestaltung einzelner Szenen wie der Lesung aus Schillers „Jungfrau“. Blamabel die Leistung der Knaben, aber den Musterschüler Luck (Karsten Kramer) reißt es wie von ungefähr hin zur ganz großen Leistung.

Wie ja überhaupt die „Feuerzangenbowle“ eine ambivalente Haltung der Schule gegenüber einnimmt. Bis heute ist besonders verblüffend, rätselhaft sogar, dass Dr. Pfeiffer anscheinend weiß, in welchen Weltgegenden sich das sumpfliebende Nashorn tummelt. Und bei der – allerdings geschickt abgewehrten – Frage nach dem Sinussatz der sphärischen Trigonometrie zumindest nicht direkt die Nerven verliert.

Vorzüglich auch das Lehrerkollegium, das von Klaus Falkhausen (als Zeus), Torsten Michael Krogh (als Bömmel) und Olaf Paschner (als „Nur ein wönziger Schlöck“-Schnauz) mit der dringend erforderlichen Drosselung des Humors gespielt wird. Bald schon ein Star der Aufführung ist Hannelore Droege als sentimentalische Hauswirtin. Längst ein Star der Klasse ist die reizende Musiklehrerin (Verena Wolfien), in die sich auch Dr. Pfeiffer gleich doll verliebt.

Immer schon hat man sich vorgestellt, was wäre, wenn er im entscheidenden Moment sein Abi-Zeugnis nicht finden könnte. Aber natürlich hat er es auch beim bejubelten Finale in Heppenheim zur Hand.

Heppenheimer Festspiele: Termine bis 14. August.

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