In Rosa übers Leben nachsinnen: Inga Busch im neuen Pollesch-Stück.
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In Rosa übers Leben nachsinnen: Inga Busch im neuen Pollesch-Stück.

Pollesch an der Volksbühne

Du süßes Problembärchen!

Komm, tröste uns: René Polleschs jüngstes Werk, von ihm selbst inszeniert, an der Berliner Volksbühne.

Von Dirk Pilz

Und dann der Gedanke: Ach, anderer Leute Sorgen möchte man haben. So flockig über Leben und Tod plaudern, so flauschig von Liebe und Leidenschaften plauschen, so drollig herumhopsen, mit den Silben plinkern, am Joint nuckeln, in die Kamera schäkern und dabei immer ein bisschen an der großen weiten inneren und äußeren Welt leiden. „Wie kommt man an ein Leben heran?“ Gesegnet, wer sich solch lustige Selbstfindungsnöte zu leisten vermag, wer von Ärgerem verschont, von böseren Ängsten gemieden wird.

René Pollesch hat wieder inszeniert, wie stets sein eigenes Werk, und wie häufig geht von seiner Theaterkunst ein warmer, samtener Trost aus. Es hat zwar schon Pollesch-Abende gegeben, die man frohgemuter, beschwingter, auch erkenntnisreicher verließ als diesen. Aber sonderbar getröstet schlendert man auch diesmal aus der Volksbühne hinaus. „Wo bin ich überhaupt?“, rufen sie. „Ich weiß das immer nie.“ Tja. Es ist dennoch (und gerade deshalb) offenbar herrlich, sich in derlei angeschafften Sorgen zu verirren.

Und es ist ja auch immer herrlich, den Schauspielern bei ihren pseudopathetischen Augenaufschlägen zuzuschauen. Und weil an diesem Abend die unvergleichliche Kathrin Angerer mittut, ist es eine besondere, weltenraumgroße Herrlichkeit. Sie spricht, als sei jede einzelne Silbe aus Staunen gemacht, als wären die Worte einzig erfunden, um der Welt verblüffte Augen zu machen. Die Sätze schaukeln und wippen bei ihr, als seien sie auf hoher See unterwegs, als taumelten sie durch den Kosmos wie verloren gegangene Sterne, verglühende, fremde Kosmen. Einmal schaut sie in die Kamera, schlägt ihre Augenlider nieder und wieder auf, um die Mundwinkel zuckt links ein leises Lächeln und rechts ein sanfter Trauerschauer: Welten erstehen und versinken durch diesen Blick. Wovon sie sprach dabei, ist längst vergessen.

Verdrehungen, Verwechslungen

Der Abend ist auf den drolligen Titel „I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung“ getauft, vielleicht in Anlehnung an den Namen einer texanischen Indie-Band (I love you, but I’ve chosen darkness), vielleicht auch nach dem bekannten Ausgehtreff im „Café Moskau“ (I love you, but I’ve chosen disco). Aber das ist auch egal. Pollesch nimmt immer, was er in den virtuellen und analogen Welten gerade findet, um sich daraus löchrige Weltbilder zu basteln, denen er danach bestens ihre Löchrigkeit vorwerfen kann. Ein etwas wirres Buch von Slavoj ?i?ek („Was ist ein Ereignis?“), eine sehr lesenswerte Studie von Gunter Weidenhaus über „Soziale Raumzeit“, die halbgare Komödie „Half Baked“ von Tamara Davis: der Stoff, um nach der Halbwertzeit von Liebe, nach den Konzepten von Zukunft und Zuhause zu fragen. Und wie immer bei Pollesch entsteht die Dramatik aus vorsätzlichen Verdrehungen, Verwechslungen, Viertelverstandenem.

So kommt es, dass Kathrin Angerer mit Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider darüber nachsinnt, ob nicht statt der Liebe das gepflegte Beleidigen besser als soziale Praxis taugt. Also werfen sie sich ein bisschen Schimpfworte zu („Du Hohlbirne!“), stupsen und schlagen sich vergnügt und sind sonst damit beschäftigt, sehr viel Gras zu rauchen. Schöner Qualm, der so entsteht. Und eine nette Stimmung, die es erlaubt, sich „mit größerer Leichtigkeit zu beschimpfen“.

Dass der Abend seine neunzig Minuten zu großen Teilen in einem der drei Container bewältigt, mit denen die Volksbühne vor fünfzehn Jahren in ihrer „Rollenden Road Show“ die Kleinkunst in die Stadtrandbezirke kutschte, dass zudem viel in die Kamera geredet und gern die Klamotten gewechselt werden, versorgt die Älteren unter uns mit hübschen Erinnerungen an ferne Zeiten, in denen das Container-, Video- und auch Pollesch-Theater noch den Eindruck machte, superdicht an den Lebenswirklichkeiten zu sein. Inzwischen aber wirken die über kreuz gelegten, ineinander gewürfelten Diskurse und selbstgebastelten Sorgen dieser Figuren wie niedliche Problembärchen, die zum trauten Knuddeln einladen. Aber ach, wie trostreich das Belanglose sein kann!

In einer lustigen Szene zählt Trystan Pütter der Kamera auf, was er sich alles an Leckereien wünscht: große Pizzas, Nutella, Chips, Minisalami. Er spricht es, natürlich, mit zwinkernder Ironie. Und doch trifft er damit ins Mark dieses Abends: Er rührt lauter lose Happen zusammen, von allem etwas, von allem so viel, bis man die böse, schlimme Welt vergisst. Er tut alles, um bloß nicht an das Leben heranzukommen. Nur kein Drama! Wie tröstlich, dass es noch solch Weltablenkungs- und Unterhaltungstheater gibt. Die gute alte Sofapopcornware.

Volksbühne, Berlin: 6. und 27. Mai, 3. und 16. Juni. www.volksbuehne-berlin.de

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