Ein Meerestier, vielleicht: Sinéad Brodd in Douglas Lees „Naiad“. Foto: Stuttgarter Ballett
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Ein Meerestier, vielleicht: Sinéad Brodd in Douglas Lees „Naiad“. 

Tanz

Stuttgarter Ballett: Krakenrock und Krebszelle

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Choreografien von Douglas Lee, Louis Stiens und Martin Schläpfer in Stuttgart.

Stuttgarts frischer Ballettintendant Tamas Detrich hat sich vorerst für eine nicht sehr riskante Spielplan-Zweiteilung entschieden: Die sogenannten Abendfüller kommen in Detrichs erster Saison von Marcia Haydée, Kenneth MacMillan und natürlich John Cranko, von diesem der Dauerbrenner „Der Widerspenstigen Zähmung“. Die Moderne und die Uraufführungen werden jeweils in dreiteilige Abende verpackt und heißen, im Falle der Uraufführungen, „Creations“. Im November gab es das erste „Creations“-Paket, jetzt die Nummern IV-VI, choreografiert von mittelbekannten bis bekannten Namen: Douglas Lee, Louis Stiens, Martin Schläpfer, der gerade zwischen zwei Ballettdirektorenposten steht, der beim Ballett am Rhein schon aufgehört hat und zur Saison 2020/21 in Wien beginnen wird.

Dort hat man ihn schon als „ausgebrannt“ und „alt“ beschimpft, was dann doch eher auf die Wiener zurückfällt, deren Staatsballett Jahrzehnte lang zu den verstaubtesten Ensembles des Kontinents gehörte. Während Schläpfer, wie er nun in Stuttgart mit dem 40-minütigen „Taiyo to Tsuki“ (jap. „Sonne und Mond“) zeigt, immerhin das klassische Bewegungsvokabular – hier zu Franz Schuberts 3. Sinfonie – mit witzigen kleinen Aperçus zu dekorieren versteht, aber auch umschwenken kann auf eine Moderne auf halber Spitze, dies zu fahlem (mondhaftem?) Minimalismus von Toshio Hosokawa, „Seascapes of Fukuyama“.

Leicht, fast neckisch kommt der deutlich längere Schubert-Teil daher, neoklassisch, aber mit einem Augenzwinkern. Eine Tänzerin stupst einen Kollegen mit dem Spitzenschuh in den Bauch. Tänzer kauern um eine Tänzerin – erheben sich nach einer Weile und gehen einfach wieder ab. Dann, mit der Musik, Schluss mit zarter Heiterkeit, ein Umschwung ins sehr Reduzierte, Gebeugte, Dunkel-Melancholische. Wie meist bei Schläpfer bleibt rätselhaft, was sich als Botschaft verstecken mag im Sonne-Mond-Doppelpack. Immer noch pflegt er einen eigenwilligen Bewegungsreichtum, den zu verfolgen sich allemal lohnt; doch oft haben die Stücke dramaturgische Schwächen, seltsame Bruchlinien.

Vielleicht fällt das besonders auf durch die Geschlossenheit der beiden vorhergehenden, je 25 Minuten langen Stücke. Douglas Lee hat sich bei „Naiad“ für eine dunkle Unterwasserwelt entschieden, für ein Schwarz-in-Schwarz auch bei Bühne und Kostümen (Eva Adler, Lee). Es dominiert eine Tänzerin, Sinéad Brodd, im schwarzen, sich bauschenden Riesen-Reifrock. Und weil ihr Alfred Lord Tennysons Gedicht „The Kraken“ in den Mund gelegt wird, mag man sie für ein solch urzeitliches Tier halten.

Dazu meint man viele Wellen- und Biegebewegungen zu entdecken, doch keine aufgeregten Fischschwärme. Lee übertreibt es nicht mit Mimikry. Auch in Nicolas Sávva Corallinas Auftragskomposition für „Naiad“ und Joby Talbots „Algal Bloom“ kann man Wasser-Wispern entdecken, muss aber nicht.

Es spielt an diesem Abend das Staatsorchester Stuttgart unter dem als Ballett-Begleiter bewährten James Tuggle. Elena Graf ist Solistin für das filigrane Geigenjammern, -heulen, -hauchen in Ondrej Adámeks „Follow me“, das von einer Gruppe und ihrem Anführer erzählt. Durchaus lässt Louis Stiens Choreografie „Messenger“, auch wegen Nijinsky-haft abgeknickter Hände und Füße, an ein „Frühlingsopfer“ denken. Apart und mit Leitmotiven durchzogen ist die Bewegungssprache. Arm-Posen erinnern an große Heuschrecken, manchmal scheinen sich die Tänzerinnen und Tänzer in der Luft festkrallen zu wollen, manchmal zeigen sie Wut und Erschrecken, dann wieder Putzigkeit.

Die originellen Kostüme (Stiens), Bodies mit einer extrem vergrößerten Hautkrebs-Zelle, tun ein Übriges, „Messenger“ zum prägnantesten Stück des Abends zu machen. Es zeigt auch am entschiedensten, dass die Sprache des Tanzes nicht auszuschöpfen ist, der Akzent immer noch ein wenig anders sein kann. Muss man eigens erwähnen, dass das vorzügliche Stuttgarter Ensemble alle Bewegungsvarianten beherrscht?

„Creations IV-VI“ hat dieser Company drei Choreografen zugedacht, die sich ihres Handwerks und ihrer Sache sicher sind; und es ist wohl nicht erstaunlich, dass der mit Abstand Jüngste, Louis Stiens, die sperrigste Musik und am meisten Experiment wagt.

Opernhaus Stuttgart:29. Februar, 3., 19. März. www.stuttgarter-ballett.de

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