Friedemann Vogel tanzt den Bolero. Foto: Stuttgarter Ballett
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Friedemann Vogel tanzt den Bolero.

Tanz

Der Trost der Schneiderpuppe

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Stuttgarter Ballett meldet sich vor der Sommerpause mit dem beherzt gemischten Abend „Response“ zurück.

Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts, hatte bei seiner Vorrede mit den Tränen zu kämpfen, als sich das Ensemble jetzt, kurz vor den Ferien, mit einer veritablen Premiere im Opernhaus und einer Satellitenübertragung auf den Cannstatter Wasen zurückmelden konnte. Nachdem während eines Gastspiels Anfang März zehn Mitarbeiter des Balletts, darunter acht Tänzerinnen und Tänzer, an Covid-19 erkrankt waren, mussten alle in Quarantäne. Bis Ende April waren die Ballettsäle tabu. Danach durfte natürlich auch hier, wie in Theatern landauf, landab, nur unter besonderen Bedingungen trainiert und geprobt werden.

Trotzdem entstand unter dem Titel „Response I“ ein zweistündiger Abend, kühn und kunterbunt gemischt, darin drei Uraufführungen, choreografiert von den Tänzern Louis Stiens, Fabio Adorisio und Roman Novitzky. Adorisio hatte sich gerade mit den fünf Darstellern seines Stückes „Empty Hands“ verbeugt, da sprang er schon in Hans van Manens „Solo“ auf die Bühne. Das Publikum war entzückt. Überhaupt lieben die Stuttgarter ihr Ballett und sollen 19 000 Menschen sich um ein kostenloses Ticket für den Wasen bemüht haben.

Und ein Solo zu dritt

Zwischen die Uraufführungen, die selbstverständlich die Abstandsregeln einhielten, hatte Detrich für diese Coronazeit sowieso geeignete oder entsprechend veränderte Choreografien geschoben. Anna Osadcenko tanzte als Bild von einer klassischen Ballerina Michel Fokines „Der sterbende Schwan“ (UA 1905). Adorisio, Adhonay Soares da Silva und Matteo Miccini erfreuten mit dem augenzwinkernden „Solo“, das nicht wirklich ein Solo ist: Das 1997 uraufgeführte Stück braucht so viel Fuß- und Sprungschnelligkeit, ist so intrikat variiert, dass van Manen die Last der Ausführung auf drei Schultern verteilt. Aus den flinken Tänzerwechseln, kleinen Gesten schöpft er Witz. Und am Ende des Abends stand Maurice Béjarts nie seine Wirkung verfehlender „Bolero“, die Chorus Line mit Genehmigung der Béjart-Stiftung vorschriftsmäßig ausgedünnt und auf Abstand. Trotzdem war dieses reine Männerstück noch schwül genug mit einem intensiven Friedemann Vogel auf dem signalroten Podest der Leidenschaft.

Schon das Hessische Staatsballett griff in dieser gerade für den Tanz schwierigen Zeit in zwei Live-Abenden auf die choreografischen Talente seiner Tänzerinnen und Tänzer zurück. Die Stuttgarter können das in größerem Rahmen und auf höherem Niveau.

Louis Stiens hat schon einiges für seine Kollegen choreografiert und wirkte im Schauspiel bei der großen Produktion der „Sieben Todsünden“ von Brecht/Weill mit. „Petals“, Blütenblätter, vereinzelt er nun auf der Opernbühne: vier Tänzer, durch die Kostüme als Paare kenntlich gemacht, zwei Stühle wirken nicht zu sparsam. Im Orchestergraben sitzt Alastair Bannerman am Klavier, spielt Scarlatti und Couperin. Während die vier zwar aufeinander reagieren, aber keine Geschichte erzählen. Stiens setzt die Stühle gleichsam als Partner ein, variiert die Bewegungssprache, macht die beiden Frauen zu den Stärkeren, Resoluteren. Alles fließt, ein wenig fehlen die Brüche.

Fahle Streicherklänge wie Nebelschwaden – Bryce Dessners „Lachrimae“ – hat Adorisio für „Empty Hands“ gewählt , grau gekleidet sind drei Tänzerinnen und zwei Tänzer. Musiker des Stastsorchesters können auf einem Podest im Hintergrund unter der Leitung Wolfgang Heinz’ live spielen, vermutlich, weil in „Lachrimae“ kein Blasinstrument zum Einsatz kommt. Sehnsuchtsvoll scheinen die fünf Tänzer, aber auch resigniert. Zugewandt, aber zurückhaltend. Auch hier fließt die Bewegung, streichelt das Auge, könnte ein wenig mehr Ecken und Kanten vertragen. (Doch wer möchte in dieser Zeit noch das künstlerische Wagnis fordern?)

Roman Novitzky schließlich spielt zum einen die Musik in die Hände: Max Richters Vivaldi auffrischende Version der „Vier Jahreszeiten“ (auch hier begleitet das Staatsorchester). Zum andern gibt er den sechs Tänzerinnen und Tänzern in „Everybody Needs Some/Body“ Partner in Form von Schneiderpuppen. Gleich entsteht ein Eindruck von Fülle, steigt die Energie. Letzteres auch dank einer Choreografie, die dem Tanz einigen Schwung und sogar Dringlichkeit zu geben vermag. Diese Menschen sind verflixt allein, so umarmen sie zum Trost einen Gegenstand.

Ballett Stuttgart: Wiederaufnahme von „Response I“ im Oktober, zahlreiche Termine geplant. www.stuttgarter-ballett.de

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