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Prospero und Ariel, Jürgen Wink und Christina Weiser.

Staatstheater Kassel

Der Stoff, aus dem auch die Alpträume sind

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Shakespeares „Sturm“ für drei in einer dunklen, aber bezaubernden Lesart am Staatstheater Kassel.

Man hört das Wasser am Ufersaum, die Bühne von Sabine Böing ist ein rumpeliger, vager Ort im Halbdunkel. Es gibt einfache Holzmöbel, der schmucke Thronsessel bleibt lange unbeachtet am Boden liegen. Markant vor allem Ariels Rutsche, so eine Wellenrutsche, wie Kinder sie lieben, und der Kasseler Ariel, Christina Weiser, liebt sie auch, saust lustig hinunter, auch wenn ihm / ihr sonst wenig zum Lachen zumute ist. Zuerst erscheint aber Prospero, Jürgen Wink, und führt in die Handlung ein. Falls der freundliche alte Mann Prospero ist. Das Theater ist immer gut darin, uns etwas anzudeuten, und gleich glauben wir alles mögliche.

Am dollsten ist das diesmal, wenn Meret Engelhardt als verknäulter, verbeulter Caliban während einer einzigen Drehung das Tüll aus dem Trikot zieht, und aus den überdimensionalen Hüften wird ein luftiger Mädchenrock (Kostüme: Ulrike Obermüller), und Caliban ist eindeutig Miranda. Hat man schon gesehen, solche Spielchen, staunt man trotzdem drüber wie beim ersten Mal.

Vor allem lässt sich der Drei-Personen-„Sturm“ von Joachim Lux, 2007 für das Burgtheater erstellt, auf eine Grundempfindung gegenüber diesem selbst für Shakespeares Verhältnisse besonders aufregenden Stück ein: Die Möglichkeit, dass das alles gar nicht passiert. Auch wenn es ein sehr alter Theater- und Regietrick ist, eine Handlung schauspielersparend in die Bezirke der Einbildung zu verweisen, so bekommt er hier neuen Schwung.

Zwischen der zauberischen Insel mit ihren vom weisen, sagen wir besser: hochgebildeten Prospero teils unterdrückten, teils erzogenen Bewohnern einerseits und den gesellschaftlichen Verwicklungen und Konventionen, die in Form einer Schiffsladung Menschen in diesem kleinen, anstrengenden Reich stranden, andererseits klafft eine erhebliche atmosphärische Lücke. Ebenso zwischen Prosperos begreiflichem Rachedurst und dem glücklichen Ausgang des Stücks, einem wahrlich barockopernhaften Lieto fine. Schon immer hat es das Misstrauen der Regie geweckt. Nun kann man sagen, dass es gerade die Spannung dieser überdurchschnittlichen Unwahrscheinlichkeit ist, die den „Sturm“ so stark macht. Man kann aber auch einmal fragen, wer eigentlich die interessantesten Figuren sind und daraufhin die Insulaner sich selbst überlassen. Wo gezaubert wird, können Geschichten aus dem Nichts entstehen.

Lux’ Fassung lässt also Prospero, Ariel und Caliban auftreten, Caliban, in dem, wie eben schon gesehen, Miranda steckt, ein bestrickender Einfall. Prospero, der gestürzte Herrscher, der seinerseits an den Ufern der Insel einst traurige Rettung fand; Ureinwohner Ariel, der von ihm aus einer Holzritze befreite Luftgeist und seither Flaschengeist-Diener; Caliban, der außen unförmige und innerlich unangenehme Sohn der verstorbenen Inselhexe; Prosperos Tochter Miranda schließlich, die das alles für ganz normal halten muss, weil sie sich an das Leben vor der Insel nicht erinnern kann.

Wer Kultur hat, sagt an

Der kultivierte Prospero – seine einstige Herrschaft hat er an seinen bösen Bruder verloren, weil er lieber studierte, als sich um die Amtsgeschäfte zu kümmern – steht für die Zivilisation, das macht ihn auch zum moralischen Ansager. Zweifel sind am Platze und auch bereits geäußert worden. Prospero ist ja nicht direkt ein Kolonialist, aber er verhält sich wie einer. Prospero ist auch kein Vertreter der modernen westlichen Welt, aber die Deutungshoheit weiß er so gut wie sie (wir) mit seinen eigenen Interessen zu verbinden. Dass das, was das Publikum über Caliban denkt, vor allem von ihm geprägt ist, darf nachdenklich machen.

Am Staatstheater Kassel legen sich der regieführende Intendant Thomas Bockelmann und sein Trio aber nicht auf naheliegende Analogien fest – die können umso besser mitlaufen –, sondern auf den Stoff, aus dem die Träume sind. Und die Alpträume.

Wie Wink und nachher Weiser und Engelhardt aus dem Nichts kommen, in dem sie nach 85 Minuten wieder verschwinden werden, erspielen sie sich auch die Szenen wie aus dem Nichts. Der freundliche alte Mann kann laut und unfreundlich werden. Ariel spielt Luftharfe, täte aber gewiss lieber etwas anderes, ist zart, aber gefährlich. Ein Stupser Ariels gegen den Ventilator, und der Sturm saust los. Caliban ist nicht so dumm, wie Prospero uns glauben machen will. Fast wie aus dem Nichts (in einem freudigen Augenblick) singen und tanzen Weiser und Engelhardt allerliebst den Titel „The Littlest Birds Sing the Prettiest Songs“ von The Be Good Tanyas. Weiser wird mit einem Spitzenkragen zum leicht blasierten Miranda-Verlobten in spe, Ferdinand. Und bildet mit Wink das Clownspaar Stefano und Trinculo, die in dieser Fassung aber wirklich nur vorbeischauen.

Nichts ist am Ende in dem Sinne vorbei oder abgeschlossen, alles könnte auch wieder von vorne anfangen. Während Intendant Bockelmann hier seine letzte große eigene Regiearbeit vorstellt, bevor er Ende der Spielzeit das Haus verlässt. Dass die Entscheidung für die Lux-Version keine aus der Corona-Lage geborene Idee war, sondern eine Herzensangelegenheit, lässt der Abend in jedem Moment spüren, hören und sehen.

Staatstheater Kassel: 24., 30. September, 11., 18., 25., 30. Oktober. www.staatstheater-kassel.de

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