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Fünf Frauen, ein Chor, alle im Körper Helmut Kohls.

Frankfurter Positionen

Und ein Stuhl für Hans-Dietrich

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Ein Kohl-Stück mit Chor von Susanne Zaun und Marion Schneider im Frankfurter Mousonturm.

Am Tag nach der „State of the Union“-Rede Donald Trumps wurde man im Rahmen der Frankfurter Positionen im Mousonturm an eine ganz andere Art von Politiker erinnert. Helmut Kohl war ähnlich massig, massiv im Auftreten, ein Mann, der Raum und Aufmerksamkeit beanspruchte – aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Kohl hatte sich von innerhalb der CDU an die Macht gearbeitet, sicher auch getrickst, geboxt. Nie machte er freiwillig Platz. Und musste es lange nicht, weil er in seiner Partei vermutlich jedes Rädchen, jede Stellschraube kannte und zu bedienen wusste. Ein Feinmechaniker der Macht im Vergleich zu Trump.

Wie auch immer die bei- den Theatermacherinnen Susanne Zaun und Marion Schneider auf Kohl kamen, sie denken anhand seiner Person über den privaten und den öffentlichen Körper eines Regierenden nach. Darüber, wie eine Rede entscheidend davon geprägt wird, wer den Text spricht. Darüber, was der Herrschende die Öffentlichkeit über seinen privaten Körper wissen lässt. Kohl zum Beispiel, indem er irgendwann von einer Prostataoperation erzählt und wie seine Leute den behandelnden Urologen zuvor als „Redenschreiber“ auf den Parteitag schleusten. Und er, Kohl, ist „nach Bremen mit so ’nem Schlauch“. Man meint, ihn dabei etwas selbstgefällig schmunzeln zu sehen.

Die beiden Theatermacherinnen haben sich einige originale Kohl-Zitate ausgesucht; es ist insgesamt nicht viel Text, dessen Teile aber immer wieder wie in einer Schlaufe und durchaus in pfälzischem Zungenschlag wiederholt werden. Denn zum Regiekonzept des Gespanns Zaun/Schneider gehört stets das chorische Sprechen. Das kombiniert wird mit körperlichen Aktionen, teils von bebildernder, teils von komischer oder absurder Natur.

In dem Stück, das 75 Minuten dauert und den sehr langen Titel trägt „Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen“, besteht der Kohl-Chor aus fünf ziemlich zierlichen Performerinnen. Judith Altmeyer, Asja Mahgoub, Katharina Runte, Katharina Speckmann und Isabelle Zinsmaier quetschen sich aus einem Fensterchen, schlüpfen zu dritt in ein Jackett, zu zweit in eine Hose, treiben ihr Spiel mit Sesseln, da sich eines der Zitate darum dreht, dass Kohl bei ei- ner Fernsehaufnahme auf „einem richtigen Stuhl“ bestand – und auf einem für Hans-Dietrich (Genscher).

Der Abend hat satirische, auch alberne Momente, das Publikum lacht. Aber die Penetranz der Wiederholung führt im Verein mit dem chorischen Sprechen dazu, dass man bald jedes Wort auswendig zu kennen meint, dass man sich zwangsläufig auch mit den völlig nebensächlich erscheinenden Sätzen beschäftigt. In der Kohl-Erzählung von der Prostata taucht regelmäßig der Satz auf: „Das werd’ ich dem auch nie vergessen“. Man merkt: auch das hat damit zu tun, die richtigen Leute zu kennen und sie sich dann warmzuhalten.

Gegen Ende wirkt ein Ausflug in den Zuschauerraum und Exkurs zum Thema Theatersitze ein wenig als Fremdkörper. Aber um diverse Körper ging es andererseits ja auch.

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