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Und Miez und Maunz die Katzen...: Michael Quast und Sabine Fischmann.

Frankfurter Volksbühne

„Struwwelpeter“ in der Volksbühne: Hui! Hui!

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Turbulenter Auftakt der Frankfurter „Volksbühne“ mit einem modernen „Struwwelpeter“.

Bauz, Perdauz! So etwas hat man lange nicht gesehen. Und natürlich auch nicht gehört. So viel Drastik, so viel laute Komik, unter der aber stets ein Abgrund bedrohlicher Gewalt lauert. Stürme wehen, Tod und Waffen wie Scheren und Schießgewehre sind allgegenwärtig. Michael Quast und Sabine Fischmann bringen in einem 90minütigen Parforce-Ritt den „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann auf die neue Frankfurter Volksbühne, die damit eine umjubelte allererste Premiere feiert.

Am Ende erweist sich die Wahl dieses Stoffes für den Auftakt von Frankfurts jüngstem Theater als kongenial. Wenn sie auch nicht freiwillig erfolgte. Denn es war „der Gott der Bauarbeiter“, wie es Quast in seiner Begrüßung sagt, der die ursprünglichen Premieren-Pläne mit Goethes „Reineke Fuchs“ von 2019 über den Haufen geworfen hatte.

Doch das Warten hat sich gelohnt. Denn so konnte endlich die lange geplante Zusammenarbeit vom Ensemble Modern, den exzellenten Interpreten moderner Musik, und dem modernen Volkstheater verwirklicht werden. Gleich dreimal modern: Das ist kein Zufall. Denn natürlich kann man die „Struwwelpeter“-Geschichten, die der Frankfurter Nervenarzt Hoffmann 1844 für seinen dreijährigen Sohn schrieb, weil er kein geeignetes Buch als Weihnachtsgeschenk gefunden hatte, heute nicht mehr ungebrochen auf die Bühne bringen. Die düsteren Moritaten vom brennenden Paulinchen, von Konrad, dem Daumenlutscher, dem der Schneider beide mit der Schere amputiert, vom verhungernden Kaspar, der sich geweigert hat, seine Suppe zu essen und anderes mehr: All dies spiegelt die gewalttätigen Erziehungsmethoden im Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Und ist eigentlich gar nicht komisch.

Die Inszenierung von Matthias Faltz bleibt am originalen Text, bricht und erweitert ihn aber ironisch. Und das gelingt mit einem Komödianten wie Michael Quast und einer Schauspielerin wie Sabine Fischmann. Hui! Hui! Quast ist ein Klang-Körper, der den Wind über die Bühne fegen lässt, der als Vogel flattert und als Kater maunzt. Und Fischmann verwandelt sich mit Mimik und Gestik binnen Sekunden in das Hoppel-Häschen – das aber dann die Flinte auf den Jägersmann anlegt. Dabei genügen beiden nur wenige Requisiten, die als Zitate eingesetzt werden, die Riesenschere natürlich, der Schirm des fliegenden Robert, das Schießgewehr.

Miau! Miau! All dies bliebe nur von halber Wirkung ohne die Musik, die Uwe Dierksen, Christian Hommel und Hermann Kretschmar vom Ensemble Modern für diesen „Struwwelpeter“-Abend geschrieben haben. Sie schöpfen die volle Palette zwischen greller Atonalität und lieblicher Symphonik aus. Für Minuten wandelt sich das Ensemble-Orchester zur krachenden Rockband, dann wieder setzt eine einsame Flöte die Akzente.

Dierksen, Hommel und Kretschmar streuen genüsslich musikalische Zitate ein, die das Publikum mit dankbarem Applaus wiedererkennt. Da verweht plötzlich die Mundharmonika aus Ennio Morricones Soundtrack zum Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ – wenn der böse Friederich Tiere zum Scherz quält. Oder das bekannte Motiv aus der „Moldau“ von Smetana erklingt, wenn das Paulinchen verbrannt ist, weil es vom Zündholz, hier Feuerzeug nicht lassen wollte.

„Seht einmal her, hier steht er, der Struwwelpeter!“ Mittendrin im schönsten Singen, Deklamieren und Hoppeln lässt sich Michael Quast dann tatsächlich noch auf einem Stuhl nieder, um dem geneigten Publikum zu erzählen, wer dieser Nervenarzt Heinrich Hoffmann eigentlich war. Einer, der energisch für Reformen in der Psychiatrie kämpfte, der aber auch einem schrägen Freundeskreis angehörte, in dem man sich die Namen von Obst und Gemüse gab – Hoffmann hieß „Zwiebel“.

Am Ende fallen sich Fischmann und Quast glücklich und erschöpft in die Arme und auch die Musiker baden im minutenlangen Beifall der Frankfurter Stadtgesellschaft. Ein gelungener Auftakt für die Volksbühne, obwohl Mundart und Dialekt nur selten zu hören waren.

Frankfurt aber kann sich glücklich schätzen dafür, dass solche Grenzüberschreitung wie zwischen Ensemble Modern und Volksbühne so selbstverständlich möglich ist.

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