Bjorn Melhus, Videostill aus „Captain“, 2005.

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Strittige Berliner Ausstellung: Der Fortschritt und sein Opfer

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Die noch vor der Eröffnung skandalisierte Ausstellung „Milchstraßenverkehrsordnung“ im Berliner Künstlerhaus Bethanien.

Der Offene Brief mit dem Vorwurf mangelnder Diversität, also Verschiedenartigkeit, bezogen auf das Fehlen nicht-weißer Künstlerinnen und Künstler sowie generell zu wenigen Frauen in der Ausstellung, hängt im Künstlerhaus Bethanien aus. Abzüge zum Mitnehmen liegen bereit. Der offene Umgang mit der offensiven Vorab-Kritik am Konzept der Schau, die sich Stanislaw Lems Begriff „Milchstraßenverkehrsordnung“ zum Titel genommen hat (mit dem der polnische Autor von der menschlichen Sehnsucht nach fremden Planeten erzählt), ist dem Kurator Christoph Tannert wichtig. Immerhin steht das Künstlerhaus mit seinem internationalen Programm ja durchaus für Diversität. Man spricht von einem „Lernprozess“ und lädt zu einer öffentlichen Debatte ein.

Und nicht ganz nebenbei: Die Positionen nicht-weißer Künstlerinnen und Künstler wären zwar tatsächlich spannend gewesen in dieser Schau übers Weltall. Vertrackt ist nur, dass die wütenden Anwürfe gegen die „weißen Männer“ in der Ausstellung gar nichts mit deren Werken zu tun haben. Auch wenn man nicht weiß, was alles fehlt – was vor Ort zu sehen ist, ist spannend und sinnlich, anspruchsvoll und unterhaltsam, sarkastisch, melancholisch und dystopisch. Die Ausstellung seziert und analysiert den Fortschrittswahn, auch das dramatische Wettrüsten im Hinblick auf die Weltraumeroberung. Und sie erzählt poetische, märchenhafte, auch komische Begebenheiten zum Thema Raumfahrt und zu all jenen Utopien und Science-Fiction-Visionen seit Jules Vernes geträumtem Flug zum Mond.

Bjørn Melhus drehte in Vietnam. Sein Video „Moon Over Da Nang“ erzählt vom Kult um die Mondlandung 1969. Die monumentale Helden-Skulptur des Astronauten Neil Armstrong sieht man hier einmal neben einer Skulptur des sozialistischen Führers Ho Chi Minh, dann übermächtig neben einer Buddha-Figur.

Der Franzose Vincent Fournier aus Burkina Faso ließ sich von Träumen und Mysterien inspirieren. Für ihn sind dies auch Echos wissenschaftlicher und technologischer Utopien. So transformierte er eine gigantische Mond-Aufnahme zu einem fotomalerischen Szenarium wie auf einer Weltraumbühne. Die Berlinerin Birgit Waldach macht den Ausstellungsraum mit ihrer Installation gleich selbst zum Universum: Vergangenes und Zukünftiges treffen zusammen. In der Schwärze des Raumes formen sich feine, weiße Bänder zu dreidimensionalen Zeichnungen. Toncollagen aus Kubricks Filmklassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ erklingen, ebenso Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“.

Totenstille dann im „Komarow-Gedächtnisraum“. Der sowjetische Kosmonaut war am 24. April 1967 beim Aufprall seiner Landekapsel nahe Orenburg verbrannt, er war der erste Tote einer Weltraum-Mission. Via Lewandowsky legte sein Denkmal im Stil sozialistischer Traditionskabinette an, erst in gleißendes Weiß, dann in Blaulicht getaucht. Wie Reliquien liegen ausgebrannte Utensilien und Teile des Overalls in Vitrinen. Sprachfetzen dringen aus einem Lautsprecher; letzte Worte. Der Fortschritt und sein Opfer.

Die empörte Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten namens Soap de Jour (Seife des Tages?) ließ im Vorfeld auf Facebook kein gutes Haar an der Ausstellung Christoph Tannerts. Dass dieser im Katalog einen Bogen zum Unternehmer und Zukunftsvisionär Elon Musk geschlagen hatte und zu dessen Utopie, dass wir uns am Beginn der Kolonisierung des Weltraumes und damit eines neuen Kapitels der Menschheitsgeschichte befänden, machte die Sache nur noch schlimmer. Musk werfen Soap de Jour „rassistische Diskriminierung“ in dessen südafrikanischen Unternehmen vor.

Zweiter Reizpunkt ist der Bezug zu Sun Ra, dem schwarzen Jazz-Avantgardisten und Black-Panther-Aktivisten der siebziger Jahre, dessen Platten sich in einer Konzeptkunstarbeit von Nik Raicevic alias Pascal befinden. Hier wird die Existenz von „afrofuturistischen Sciene-Fiction“-Konzepten, also bewusst nicht westlichen Narrativen von der Zukunft des Planeten, lediglich angedeutet. Das aber sehen die Aktivisten als dreiste Aneignung, da in der Schau selbst nur Weiße ihre Kunst zeigen.

Wohlgemerkt sind das Werke, die programmatisch und subjektiv ausgewählt wurden und stark auf die Weltraum-Rivalität der politischen Systeme im Kalten Krieg abheben, nicht zuletzt die pathetische Kosmonauten-Euphorie der DDR. Nichts von alledem aber haben die Absender des Offenen Briefes gesehen. Dabei sollte wohl auch in den sozialen Medien Kritik auf tatsächlicher Wahrnehmung beruhen. Streitkultur ja. Vorverurteilung, Unterstellungen und Gesinnungskontrolle nein.

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