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Befremdliche Aktionen unterm Glühbirnen-Firmament.

Meg Stuart

Die Sterne abstauben

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Geister wispern, Schamanen heilen, Verzweifelte jammern in Meg Stuarts Tanzstück „Celestial Sorrow“ im Mousonturm.

Seit Jahrzehnten schon bringt die in Berlin und Brüssel arbeitende Choreografin Meg Stuart das Dezente mit dem Extremen, die Wut mit der Stille, das Allgemeinmenschliche mit dem Seltsamen zusammen. Das Ergebnis kann eine fremde, wenn auch durchaus anstrengende Schönheit sein. Ihre oft raue, ungefällige Bewegungssprache hat die belgische Tanzszene einst mit geprägt. Ihr vieltalentiertes Ensemble Damaged Goods erscheint als verschworene Gemeinschaft, die auf der Bühne alles gibt und notfalls alles nach außen kehrt in emotionalem, exaltiertem Auflodern.

Der Mousonturm hat glücklicherweise immer schon Arbeiten Meg Stuarts nach Frankfurt gebracht. Zum Abschluss des in Kooperation mit dem Hessischen Staatsballett stattfindenden Tanzfestivals Rhein-Main war das jetzt Stuarts jüngstes, gut anderthalbstündiges Stück „Celestial Sorrow“ (himmlische Trauer).

Es entstand in Kooperation mit dem indonesischen Künstler Jompet Kuswidananto, der für eine Glühlampen-Installation gesorgt hat, die man durchaus himmlisch nennen könnte: Denn die mehreren hundert Lämpchen lassen sich runterdimmen bis zur nächtlichen Sternenanmutung, schaffen einen warm strahlenden Lichtdunst oder glühen, blenden auf, gleichsam in Spiegelung der Emotionen der zwei Performerinnen, Jule Flierl und Claire Vivianne Sobottke, und des Performers Gaëtan Rusquet. Diese drei müssen unterm zauberhaften Glühbirnen-Firmament für alle Nuancen des Schmerzes und der Trauer sorgen.

Aber singen können sie auch. Hecheln, ächzen und seufzen. Fiepen oder wie ein alte Türe knarren. Kieksen oder aufheulen. Zuerst machen sie ganz leise Stimm- und Kehlgeräusche, in Zeitlupe und im Halbdunkel drehen sie sich dabei um die eigene Achse. Man könnte sie für Geister halten. Später für Schamanen.

Aber Meg Stuarts Stücke nehmen fast immer Anlauf zu großen Ausbrüchen, so ist es auch hier. Die drei Darsteller legen ihre Mikroports ab, die beiden Musiker, Mieko Suzuki und Ikbal Simamora Lubys, drehen auf, ein wilder Rhythmus übernimmt, es wird blendend hell, der Tanz gerät aus den Fugen. Das Ganze hat etwas von einem Exorzismus, wird intensiver und intensiver. Um abrupt zu enden, wenn eine der Frauen im dunkel werdenden Raum eine Art Ohrenkerze anzündet und dem liegenden Mann ans Ohr hält. Die eigenen Trommelfelle vibrieren noch nach, aber im Theatersaal des Mousonturms ist es für eine Weile mucksmäuschenstill.

Dann beginnen die Akteure Bilder zu beschreiben und also vor dem Zuschauerauge heraufzubeschwören. Von einem gefrorenen See. Einer Katze namens Kleopatra. Dem ersten lesbischen Paar in Montpellier. Einem kleinen Jungen, der als Karotte verkleidet ist, weil er Karotten so furchtbar gern mag.

Dann beginnt die Musik erneut zu wispern und weben – und jeder der drei erhält noch einmal so etwas wie einen großen Auftritt. Claire Sobottke kriecht über den Boden und jammert herzzerreißend, sie sei „fucking useless“ und verspricht einem Zuschauer, ihm ein tolles Tiramisu zu machen, wenn er sie rette. Jule Flierl kommt als Alien im Glitzerbody und mit Riesenohren rein, als diamantengeschmücktes äffchenartiges Wesen. Und Gaëtan Rusquet schließlich stakt auf Holzklötzen herum und richtet zwei Staubwedel in den Glühbirnenhimmel. Das ist schön und ziemlich befremdlich und auch anrührend. Eine typische Meg-Stuart-Mischung eben.

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