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Die Geister interessieren sich nicht sehr für die Leidenden.

Stadttheater Gießen

Wir Sterblichen

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Ein großartiger Giordano-Gesualdo-Abend mit der Oper „Mala vita“ und Renaissance-Musik am Stadttheater Gießen.

Am Stadttheater Gießen erlebt man jetzt einmal wieder die Ad-hoc-Wirkung des italienischen Verismo, nämlich mit der kaum bekannten Oper „Mala vita“ des „André Chenier“-Komponisten Umberto Giordano. Kombiniert wird sie hier auf riskante, aber glückliche Art mit A-cappella-Musik aus der Renaissance von Carlo Gesualdo. Das sind nämlich Grenzüberschreitungen, auf die das Musiktheater, in einem festeren Korsett als die Kollegen von der Sprechbühne, für gewöhnlich und zu Recht verzichtet. Mag wer weiß was geschehen auf der Bühne, die Musik bleibt intakt (das heißt, die Eingriffe werden so gestaltet, dass es niemand merkt). Die Gießener Zusammensteckaktion vermittelt einerseits – das ist der Nachteil – den Eindruck, Giordanos Oper sei für sich genommen womöglich nicht tragfähig. Und es werde mit einem Werk experimentiert – da könnte einem auch mulmig werden –, das nicht durch Bekanntheit und Beliebtheit geschützt ist. Kaum ein Mensch käme auf den Gedanken, Puccinis „Il tabarro“ zu unterbrechen und zu ergänzen, wogegen dramaturgisch aber ebenso wenig oder viel spräche. Andererseits ist das Ergebnis großartig.

„Mala vita“ erzählt eine finstere Geschichte aus den elendigen Gegenden der Stadt Neapel: Ein junger TBC-Patient schließt den etwas dummen Gottespakt ab, eine Prostituierte zu heiraten und dafür geheilt zu werden. Das klappt aber überhaupt nicht, da sich der arme Mann sofort wieder von seiner alten Flamme einwickeln lässt. So dass alle verlieren werden, ihre Hoffnung, ihr Leben, ihre Liebe, auch wenn dies zum Teil erst nach dem Ende des Opernabends geschieht. Wie können Menschen so kurzsichtig, naiv, dumm sein? Hier kommt in Wolfgang Hofmanns kluger und detailreicher Inszenierung das „Gesualdo-Ensemble“ ins Spiel, sechs von Claudia Krull historisch und ein wenig staubig (vergeistigt) eingekleidete Strippenzieher und -zieherinnen. Mit Wehklage aus einer anderen Zeit kommentieren sie Geschehen und beeinflussen es zunehmend.

Das ist schön gemacht. Naroa Intxausti, Ayano Matsui, Shawn Mlynek, Christopher Meisemann, Christian Richter und Tomi Wendt – musikalisch ein makellos kühler und durchstrukturierter Kontrast zu den Wallungen des späten 19. Jahrhunderts – treten aus ihrem Setzkasten hinten heraus, mischen sich unter die Figuren, schieben sie nach hier und dort, flüstern ihnen ihre nächsten Fehler ein. Das bleibt melancholisch und unaufdringlich. Sobald sie zurechtgerückt sind, erwacht das „Mala vita“-Personal wieder zu Opernlebhaftigkeit, die auch sängerisch prächtigen Ausdruck findet – zumal im Gießener Theater, das nicht nur ein Schmuckkasten, sondern auch ein Stimmenparadies ist. Denis Yilmaz ist der anständig italienisierend leidende Kranke, Angela Davis die geschmackvoll hochdramatische Prostituierte, Vero Miller die mildere, aber beharrliche, stimmlich abgerundet kultivierte Geliebte.

Vorne bietet die Bühne von Lars Peter ein rundes weißes Podest als schlichte Hauptspielstätte. Sie ist über Stühle etwas schwer zu betreten, um so bewundernswerter, wie gut das Ensemble zurechtkommt und wie vorzüglich der auch volkstümlich auftanzende Chor geführt ist. Solche Einschübe, in denen Giordano fast collagenhaft arbeitet – und mit denen er seinerzeit die Neapolitaner, für die das ja nicht exotisch apart war, vor den Kopf stieß –, lassen die Renaissancemusik dazwischen noch zwangloser wirken. Eraldo Salmieri dirigiert den süffigen, durchaus auch grellen veristischen Part, Jan Hoffmann betreut von der Seite die sechs Geister, also Gesualdo-Sänger. Alles extrem stimmig.

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