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"20 Sätze und a Kleid" sind Stefanie Reinsperger nicht genug.

Berliner Ensemble

Stefanie Reinsperger lügt nicht

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Die österreicherische Schauspielerin mit der hellen Präsenz und der Lust an der Verausgabung ist seit dieser Spielzeit prägendes Mitglied des Berliner Ensembles.

Als wir uns in Kreuzberg trafen, ging in der Nähe gerade ein Schulfasching zu Ende. Einige von den Strapazen der Ausschweifung leicht desorientierte Schlüsselkinder trugen reststolz ihre schminkverschmierten Gesichter vor sich her und schienen ein bisschen sauer zu sein, dass der  Fotograf nur Augen für die zwar große, aber völlig unverkleidete blonde Frau hatte. Stefanie Reinsperger lächelte ihnen freundlich zu, sagte aber dann à part einen Satz, der für jemanden, der von Kindheit an Schauspielerin werden will, überraschend ist: „Ich hasse Fasching“. Sich verkleiden? In eine Rolle schlüpfen? Aus seiner Identität ausbrechen? Zumindest Hafturlaub nehmen? Wenn das alles nicht eine Grundmotivation für Schauspieler ist, was dann?

Es gibt im Netz ein Zwölfsekundenvideo, das Stefanie Reinsperger bei einer Kostümprobe für ihre Buhlschaft im berühmten Salzburger „Jedermann“ zeigt; da sieht man, dass sie doch Freude am Verkleiden hat. Es ist das erste Mal, dass die Österreicherin ein Dirndl anhat, ein himmelblaues mit grüner Schleife, der Rock fliegt schön, wenn sie sich dreht. In Berlin ist sie derzeit unter anderem in einem schwarzen und in einem roten Abendkleid zu sehen, mal in einem Hemdchen und mal in einem Dienstmädelkittel, mal mit rotem Haarschopf, mal mit korngelben Zöpfen.

Trotzdem erkennt man sie immer, sofort und in jeder Figur wieder: ihre helle Präsenz, ihre Lust an der Verausgabung, ihre Furchtlosigkeit beim Hervorkehren von Angst, Schmerz, Lust, Bosheit, Naivität und Scham – und die Genauigkeit und Schnelligkeit, mit der sie von dem einen ins andere wechselt. Nicht sich zu verstellen, sondern sich zu zeigen, scheint bei Reinsperger die Antriebskraft zu sein. Und dabei kreuzt sich ihre kindliche Spielgier auf das Schönste mit einer Lebenskundigkeit, für die sie eigentlich zu jung ist und zu wenig erlebt und erlitten haben kann.

Seit vergangenem Sommer lebt Stefanie Reinsperger in Berlin, erst nach ihrer nächsten Premiere am 17. März wird sie ein paar Tage probenfrei haben und sich mal die Stadt angucken können – ein dreiviertel Jahr nach ihrem Umzug aus Wien nach Neukölln. Vorher war einfach keine Zeit. Es ist sowieso ziemlich viel passiert im Leben der im Januar dreißig Jahre alt Gewordenen. Als Tochter von Angestellten im österreichischen Außenministerium wuchs sie die ersten vier Jahre in Belgrad auf, dann wechselte die Familie mit dem letzten Flugzeug vor dem Jugoslawienkrieg nach London, ein paar Jahre später nach Hause, „auf den Grund der mütterlichen Familie“, in die Nähe von Wien. Vielleicht tragen die Ortswechsel zu dieser gewissen Rastlosigkeit bei: „Ich hatte schon immer Hummeln im Hintern“, sagt Reinsperger.

Sie spielte bereits in London im Kindertheater, tourte als Schülerin mit einem Musical durch die Lande, überlegte kurz, ob sie Medizin studieren sollte, was sie aber nach einem schulischen Kochkurs, bei dem sie in Ohnmacht fiel, verwarf. „Ich kann kein Blut sehen!“ Als sie bei ihrem ersten Versuch, sich in Berlin an der „Ernst Busch“ zu bewerben, in der Endrunde rausflog, zerfloss sie in Tränen, überlegte kurz, ob sie auch diesen Berufswunsch aufgeben solle, weil sie sich so eine Tortur nicht noch einmal antun wollte.

Aber da hatte ihre Mutter schon lauter Bewerbungen an viele Schauspielschulen verschickt; das Max-Reinhardt-Seminar in Wien wurde es dann. „Auch wenn ich denke, dass jede Schule so gut ist wie das, was man sich da selbst rauszieht, hab ich da reingepasst, mich sauwohl gefühlt und die richtigen Lehrer getroffen. Wegen der kleineren Klassen gibt es da so ein Gruppengefühl, das mir total wichtig ist – auch im Ensemble später.“

Im Schauspiel Düsseldorf, wohin sie 2011 engagiert wurde, fand sie in einer sehr turbulenten Situation ein enges, neues Ensemble wieder, das in drei Spielzeiten drei Intendantenwechsel überstand. Reinsperger spielte hier klassische Rollen – etwa Eve in Kleists „Zerbrochnem Krug“, Regie: Dusan David Parizek. Mit ihm kehrte sie dann nach Wien zurück, ans Burgtheater. „Dieser Beruf ist so unkalkulierbar, ich weiß noch wie Parizek mir im Düsseldorfer Hofgarten einen Text von Wolfram Lotz gegeben und gesagt hat, du spielst den somalischen Piraten. Und ich sah mir das an und verstand erst einmal gar nichts und fragte, ist es das, was wir machen wollen? Als Burg-Debüt? Wirklich?“

Diese Arbeit wurde 2015 zum Theatertreffen eingeladen, zusammen mit einer weiteren von Reinsperger getragenen Uraufführungsinszenierung, Ewald Palmetshofers „Die Unverheiratete“, Regie: Robert Borgmann. Im selben Jahr wurde sie zur Schauspielerin des Jahres gewählt – da hatte sie das Burgtheater schon wieder verlassen, zu groß, zu wenig Zusammenhalt im Ensemble. Als die Intendantin Anna Badora sie fragte, ob sie dabei sein möchte, wenn sie das stets im Schatten der Burg spielende Wiener Volkstheater auf die Spur setzen wolle, sagte sie zu. Dazu kam das besagte Buhlschaft-Angebot – in Österreich eine Aufgabe mit ähnlich zweischneidigem, weil an feste Erwartungen geknüpftem Ruhm wie die Rolle eines Bond-Girls. Und als Oliver Reese kam und sie fragte, ob sie Mitglied im Berliner Ensemble werden wolle, sagte sie auch zu. Immer her damit!

Der Sommer war dann ein hübscher Spagat. Während sie in Salzburg auf dem Domplatz leicht desillusioniert ihre Buhlschaft vorführte – „20 Sätze und a Kleid“ –, begannen die Proben zu „Der kaukasische Kreidekreis“, womit der neue BE-Hausregisseur Michael Thalheimer die Reese-Intendanz eröffnete. Brecht am Originalschauplatz sozusagen, Reinsperger als Grusche, in den großen Helene-Weigel-Schuhen – mit Original-Babypuppe. Aber nur keinen Druck!, habe Reese gesagt. Keinen Druck? Allein im August flog sie 18 Mal zwischen Berlin und Salzburg hin und her.

Ebenfalls im Sommer fand eine Zusammenkunft mit Frank Castorf statt, der das Reese-Ensemble für seine „Les Misérables“-Inszenierung durchstöberte. Sie kam kaum zu Wort, konnte nur sagen, dass sie das 1500-Seiten-Buch von Victor Hugo nicht kenne, aber das Musical gesehen habe. Gute Idee, das so auszusprechen? Castorf nahm keinen Anstoß, er besetzte Reinsperger als Madame Thernadier und vertraute ihr einen Monstermonolog aus seinem Lieblings-Müller-Stück „Der Auftrag“ an. Buhlschaft, Grusche, Castorf-Debüt – hat sie denn vor gar nichts Angst? „Ich finde das Wort Angst eigentlich nicht so gut. Bei Thalheimer war es Respekt. Man kann auch von Demut vor dem Werk sprechen – aber bei Castorf war es tatsächlich Angst. Wahnsinnige Angst. Ich kannte natürlich diese Abende, ich bin wegen denen aus Wien hergeflogen, und dann darf man da selbst mitmachen. Das ist, als würde man fünfzehn Mal durch den Fleischwolf gedreht.“

Mitmachen dürfen? Es gibt ein paar Youtube-Schnipsel, in denen man sehen kann, wie Castorf probt, wie er in Rage gerät, fies und persönlich wird, rumschreit, japst und schnoddert. Will man das als erwachsener Künstler wirklich haben? „Man sieht es in diesen Schnipseln nur von außen. Er schreit ja nicht immer. Und wenn, geht es ihm um die Sache, er will damit eine Spielhaltung suggerieren. Aggression, Härte, Klarheit. Seine Kritik ist natürlich auch hart. Er ist ein Regisseur, dem du nichts vormachen kannst, gar nichts. Der hört bei jedem Satz, ob du gelogen hast. Dem wird’s halt langweilig, wenn du nicht im Hier und Jetzt empfindest, was du da sagst.“

Ob es dann hilft, wenn er einen zur Minna macht? „Also mich hat das schon aus der Bahn geworfen, diese Intensität, mit der Castorf kommuniziert. Manchmal geht man danach nach Hause und ist zerstört, kann nicht schlafen und zweifelt mal wieder eine grundsätzliche Runde an sich selbst – und am nächsten Tag geht man zur Probe und versucht es besser zu machen.“ Man könne übrigens auch zurückschreien, und das machen manche auch. „Dafür bin ich nicht der Typ, ich heule dann eher und mach das mit mir aus.“

Umso furchtloser erfüllt sie nun auch diese Rolle: eine stolze, wuchtige, schicke, kämpferische Proletarier-Matrone in rotem Festtagskleid und mit leuchtendem Claudia-Roth-Pagenschnitt im Bühnennahkampf mit ihrem Gatten, dem Leichenfledderer Thenardier, gespielt von Aljoscha Stadelmann. Oh, herrliches Kulissenbeben! Und dann dieser Müller-Monolog, direkt in die Kamera geschrien, aber nicht nur mit Druck und Puste, sondern gefährlich, böse Gedanken schnappend, sich in ihnen verbeißend, die Beute schüttelnd, mit einer euphorisch klirrenden Aggression, zu der nur jemand in der Lage ist, der verzweifelt ist. Die fletschenden Zähne, die verrutschte Perücke und die in Schweiß und vielleicht auch Tränen zerfließende Schminke kriegt man schwer aus dem Kopf und fragt sich wieder: Woher hat sie das nur? Diese emotionale Kraft und Gewissheit?

Auch das ist noch nicht alles, es gibt noch zwei Monologe, die Reinsperger Berlin schenkt: Peter Handkes „Selbstbezichtigung“ hat sie aus Wien mitgebracht, einen Monolog, den sie sich mit Parizek am Volkstheater „draufgedrückt“ hat. Und die Abschlussinszenierung „Wolken.Heim“ des Ernst-Busch-Regiestudenten Branko Janack, die in den ersten zwei Dritteln relativ gesittet und formal über die Bühne geht, sprengt sie mit ihrem Zwanzig-Minuten-Auftritt ins Leben.
Kleist, Brecht, Müller, Handke und Jelinek, jetzt Rainald Goetz. Regie führt Robert Borgmann, den sie an der Burg kennengelernt hat. Wieder so ein Text! „Ich liebe es, schwierige Texte zu durchdringen“, sagt sie, klar, eine Schauspielerphrase, aber dann fuhrwerkt sie zur Illustration mit ihren Fingern durch ein imaginäres Textbuch, und man versteht, dass es ihr ein sehr ernstes Vergnügen ist. „Ohne gelernten Text kann ich nicht proben, ich sitz’ ziemlich lang und tüftel und überlege und liebe und hasse den Autor und verknote mir das Gehirn. Aber dann kommt das Boa!, der Reichtum, dann merkt man, dass da kein Wort umsonst steht. Da kann man schon schweben.“

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